Die ersten Tage auf Island
Donnerstag, 04. Juni 2026: Endlich wieder festen Boden unter den Füßen
Was für ein Tag! Das dumpfe Horn der Norröna kündigte heute das Ende einer langen Seefahrt an, als vor mir die majestätischen, wolkenverhangenen Ostfjorde Islands auftauchten. Endlich bin ich wieder hier!
Ich muss zugeben: Ich habe mächtig Glück gehabt. Meine Medikamente gegen Seekrankheit haben super gewirkt. Die Überfahrt vom dänischen Hirtshals über die Färöer bis nach Seyðisfjörður verlief zwar recht ruhig, aber bei mir löst ja selbst ein schwankender Bootssteg schon Übelkeit aus. Trotzdem fühlt sich der feste Boden jetzt am Abend noch ganz schön schaukelig an – mein Kopf macht noch fleißig Wellenbewegungen mit. Das Essen an Bord war jedenfalls so oder so ein Genuss – meine Favoriten sind und bleiben Lamm und alles, was aus dem Meer kommt.
Auch wenn die Sechsbettkabine unter dem Fahrzeugdeck etwas beengt war: Ich hätte diese tollen Frauen sonst nie kennengelernt! Wir waren eine wunderbare Runde aus Frankreich, der Schweiz, Tschechien und Deutschland. Heute Morgen haben wir sogar noch für die liebe Kerstin ein Geburtstagslied zu ihrem 70. gesungen.
Während der 2,5 Tage Fahrt wurde es mit jeder Meile
frischer. Jetzt empfängt uns Island mit knackigen 8 Grad und noch mächtig viel
Schnee – da werde ich ein paar Tage zum Akklimatisieren brauchen. Wie gut, dass
ich schlau war und mir für diese erste Nacht das letzte verfügbare Bett im
Hostel gebucht habe! Es liegt im alten Hafengebäude direkt in Seyðisfjörður,
ist absolut knuffig und urgemütlich. Nach einem ersten Spaziergang durch den
Ort sitze ich nun frisch geduscht bei einer heißen Tasse Tee und genieße die
Ruhe. Wir haben heute Abend in unserer Frauenrunde noch viel gelacht und
gequatscht, bevor sich unsere Wege morgen früh trennen.
Der „Gletscherfloh“ – mein kleiner, zum kuscheligen Wohnmobil umgebauter Fiat Panda 4x4 – steht draußen und ist fertig gerüstet. Mein Kikebike Willy wartet auf dem Dach auf seine erste Ausfahrt. Drinnen ist es nun herrlich geräumig, nachdem alles Sperrige auf den Dachgepäckträger verbannt wurde. Mein Floh hat heute sogar schon die ersten Bewunderer gefunden und durfte mit geschwellter Brust für Fotos posieren! Morgen geht es über Egilsstaðir auf die Ringstraße Nr. 1 Richtung Süden. Es sieht ganz so aus, als sei die gute Seele meiner Mom schon hier oben, um sich für ihr Mädchen ums Wetter zu kümmern. Für drei Uhr nachts ist Sonnenschein gemeldet – verrückt, oder? Gute Nacht!
Freitag, 05. Juni 2026: Hinein in die raue Natur
Ich blicke auf meinen ersten echten Tag in der isländischen
Wildnis zurück. Begonnen hat er heute Morgen extrem früh um 4:30 Uhr mit einem
Blick auf den Fjord. Die Wolken hingen tief, es wirkte alles wahnsinnig
mystisch. Da es bei euch in der Heimat schon 6:30 Uhr war, war ich eben auch
schon hellwach. Also hieß es erst mal: ruhig starten und einen Kaffee trinken.
Danach hieß es Abschied nehmen vom gemütlichen Hostel und ab in mein vertrautes Heim für die nächsten Monate: den Gletscherfloh. Endlich ging es hinaus in die wilde, ungezähmte Natur! Auf den Passhöhen zeigte sich die Insel heute von ihrer ganz schön winterlichen und ungemütlichen Seite. Der Wind pfiff ordentlich und die Luft war eisig. Aber gleich meine erste Tour hat mich vollkommen verzaubert: Island hat mein Herz im Sturm zurückerobert. Ich bin wieder angekommen.
Mein Weg führte mich heute zum malerischen Wasserfall
Gufufoss, der elegant in die Tiefe stürzt, und weiter zum geschichtsträchtigen
Wrack des US Navy LCM Landungsbootes. Diese stummen Zeugen der Vergangenheit,
eingebettet in diese monumentale Landschaft, faszinieren mich einfach immer
wieder aufs Neue.
Nun liegt ein ereignisreicher Tag hinter mir. Die Nacht
verbringe ich an einer holprigen Zufahrtsstraße mit direktem, unverbautem Blick
auf den Fjord. Es ist die allererste Nacht, in der ich auf dieser Reise im
Gletscherfloh schlafe. Es ist zwar nicht mein erstes Mal in Island, aber der
Beginn eines neuen, ganz eigenen Kapitels. Ich richte es mir jetzt gemütlich
ein.
Samstag, 06. Juni 2026: Kontraste, stilles Innehalten und ein wilder Erlebnismix
Ein langer, wunderbarer Tag neigt sich dem Ende zu. Mein zweiter Tag im Gletscherfloh brach heute Morgen mit strahlendem Sonnenschein an. Während ich genüsslich meinen heißen Kaffee trank, hielt ich inne. Ich war ganz still in Gedanken bei meinem im letzten Jahr verstorbenen Zwillingsbruder. Island hat diese Kraft – es bietet den Raum für tiefe Trauer, aber auch für unendliche Dankbarkeit.
Der restliche Tag wurde zu einem wahren Rausch der Eindrücke. Auch wenn das Wetter später umschlug: Island bietet selbst bei Wolken traumhafte Naturszenen. Ich fuhr die Küste entlang und besuchte den ältesten Leuchtturm der Insel sowie den östlichsten Punkt, den man überhaupt mit dem Auto erreichen kann. Die Tierwelt zeigte sich heute von ihrer lebendigsten Seite! Schafe hatten es sich mitten auf der Straße in den kurzen, wärmenden Sonnenmomenten gemütlich gemacht und ließen sich kaum aus der Ruhe bringen. Küstenseeschwalben verteidigten wild kreischend ihr Brutgebiet – hier tut man echt gut daran, eine feste Kopfbedeckung zu tragen! Auch ein Austernfischer-Paar bewachte lautstark seine zwei winzigen Küken und versuchte mit allen Mitteln, mich von den Kleinen fernzuhalten. Ich habe sie ehrfürchtig aus der Distanz beobachtet.
Ein weiteres Highlight war ein mächtiger Wasserfall, der
sich über mehrere Kaskaden tosend in die Tiefe wälzt. So beeindruckend! Ich
hatte das große Glück, völlig ungestört meine Drohne fliegen zu lassen. Die
Perspektive von oben ist atemberaubend – auch wenn die Videodateien leider viel
zu groß sind, um sie von hier aus direkt im Blog mit euch zu teilen. Schon auf
der Anfahrt türmten sich rechts und links der Straße meterhohe Schneewände auf
– teilweise sicher zwei Meter hoch, ein echtes surreales Erlebnis im
beginnenden Sommer.
Später entdeckte ich ein altes Schiffswrack, das seit Jahrzehnten im Fjord liegt und vor sich hin rostet. Ein absolut imposanter Anblick – vorausgesetzt natürlich, man mag ein bisschen morbiden „Schrott“. Scherz beiseite, es ist ein echter Hingucker!
Aber noch viel schöner ist der Fjord selbst mit der gewaltigen Landschaft, die ihn umgibt. Steile Klippen fallen dramatisch ins Meer ab und wechseln sich im nächsten Moment mit sanften, grünen Wiesen ab. Ein kleiner, verschlafener Fischerhafen tauchte auf, ein paar Häuschen, die charmant in die Jahre gekommen sind, und im Mittelpunkt – wie so oft in Island – eine wunderschöne kleine Kapelle mit einem historischen Friedhof.

Mein Weg führte mich heute auch nach Neskaupstaður, um die kleine Kirche zu besuchen, die aber leider verschlossen war. Danach zog es mich bei traumhaftem Sonnenschein hinaus zur Höhle Páskahellir. Die Wanderung dort bot herrlich abwechslungsreiche Ausblicke – und das völlig ohne Angriffe irgendwelcher brütender Vögel.


Zurück im Ort wollte ich mir an der Tankstelle einen echten Kaffee gönnen. Als die Angestellte mich fragte, ob ich eine Kundenkarte hätte und ich verneinte, hielt ich ihr mein Kleingeld hin. Kurzentschlossen zückte sie ihr Handy, tippt etwas ein und schenkte mir den Kaffee einfach so. Was für eine liebe Geste – das erinnerte mich sofort an Trailmagic auf dem PCT in den USA!
Danach ging die Fahrt weiter den Fjord entlang in Richtung der Ringstraße 1. Am Nachmittag zog es sich immer mehr zu und fing an zu regnen – ein echter Wettermix, eigentlich fehlte nur noch Schnee!
Ein warmes Schwimmbad war da die perfekte isländische
Lösung. Google sei Dank entdeckte ich im nächsten Ort eines, das noch zwei
Stunden offen hatte. Also Schwimmsachen gepackt und hin. Vor Ort sah ich erst
nur die Grundschule (Grunnskóli), aber hinter dem Sportplatz versteckte
es sich: klein, fein und für umgerechnet 2,30 € das reinste warme Vergnügen
inklusive Hot Tub und Dusche. Es geht auf Island einfach nichts über die heißen
Töpfe – fast jeder Ort hat einen, und das unterstütze ich sehr gerne!

Frisch aufgewärmt ging es an die Weiterfahrt. Unterwegs beobachtete ich eine Gruppe Schwäne bei der Nahrungssuche, Enten und etliche Seevögel am Ufer. Und dann, zu meiner großen Freude: eine kleine Herde Rentiere! Sie tragen noch ihr Winterkleid, sind dadurch im Grünen nicht ganz so gut getarnt und ich konnte sie in der Ferne ausmachen. Hach, mein Tag war wieder so schön!
Zum Übernachten habe ich mich nun an einen traumhaften Platz an einer Schlucht zurückgezogen, in deren Grund ein wilder Fluss ungezähmt seinem Lauf folgt. Ich bin umringt von Schafen und habe freie Sicht aufs Meer. Als ich mir gerade gemütlich Tee kochen wollte, passierte es natürlich: Gaskartusche leer! Also raus in den Regen und der Herausforderung gestellt. Es ist gar nicht so einfach, an die Dinge in der Alukiste auf dem Dach zu kommen – natürlich liegt das, was man am dringendsten braucht, immer ganz unten. Die Box schränkt zwar die Sicht nach hinten etwas ein, aber im Auto habe ich dann einfach volle Kanne die Heizung angemacht und die Fenster einen Spalt breit geöffnet. Man staunt, wie gut das geht! Nach dem Umzug an die Sonnenblenden ist jetzt alles wunderbar getrocknet. Das monotone Rauschen des Flusses ist nun meine perfekte Einschlafmelodie.
Sonntag, 07. Juni 2026: Benzin ist alle, flüssiger Sonnenschein und liebe Begegnungen
Inzwischen neigt sich auch dieser Tag dem Ende zu. Dunkel wird es hier zwar natürlich nicht, aber es herrschte den ganzen Tag über eine dichte Dämmerstimmung. Eigentlich wollte ich heute Morgen ganz früh los, in der Hoffnung auf Sonnenschein an der Gletscherlagune Jökulsárlón. Doch nach einer Nacht voller Schüttereigen hingen die Wolken tief. Die Sonne schien heute höchstens flüssig... also ließ ich mir erst mal Zeit.
Nach den ersten Kilometer Autofahrt schoß mir allerdings eine ordentlichen
Portion Adrenalin ins Blut: Natürlich kenne den genauen Verbrauch des Gletscherflohs mit
all dem Gepäck oben auf dem Dach einfach noch nicht, aber tatsächlich sprang die
Tankanzeige regelrecht "plötzlich" auf Reserve und bei der Restreichweite erschienen nur noch Striche:
„---“. Mir fiel fast die Kinnlade runter, das könnt ihr euch sicher vorstellen!
54 km bis zur nächsten Tankstelle. Und Umdrehen war mit 90 km erst recht keine
Option. Mein Ersatzkanister an Bord nützt mir natürlich auch nur dann etwas,
wenn er befüllt ist... tja, war er nicht. Ich habe geschwitzt und gebetet.
Einziger Retter war der starke Rückenwind. Mit gemächlichen 60 km/h bin ich eine Stunde lang zur Tankstelle geschlichen – schön sparsam fahren, auch wenn es länger dauert. Auf den allerletzten Tropfen kam ich an. Mir ist so ein Stein vom Herzen gefallen, meine Gebete wurden erhört! Ich verspreche hoch und heilig, daraus zu lernen. Danach brauchte ich erst mal einen Kaffee, während es draußen einfach unaufhörlich weiter schüttete.
Später an der Gletscherlagune stürmte es wie wild. Als sie
dann auch noch 6 € Parkgebühr fürs „bissel Schauen“ wollten, habe ich
gestreikt. Nicht mit mir. Ich habe ein Stück abseits geparkt, ein bisschen
Fußweg in Kauf genommen und bin im Regen spazieren gegangen – so war ich
wenigstens abseits der Massen und konnte ein paar Eindrücke sammeln. Eine
spätere Wanderung zu einem Gletscher war wettertechnisch leider auch nicht
einladend, also wurde es heute auch nix mit Drohne fliegen.

Dafür gab es ein anderes, total süßes Highlight: Ich habe eine Mail von einem Paar aus Speyer bekommen, das auch auf Rundreise ist. Sie hatten meinen Panda gesehen, den QR-Code gescannt und mir über die Webseite eine Einladung auf ein Bier am Abend geschickt! Leider war es da noch zu früh am Tag und ich wollte noch ein Stück weiterfahren, aber ich habe mich riesig über die Kontaktaufnahme gefreut! An einem Rasthof gönnte ich mir später ein Hotdog und bekam gratis noch ein nettes Gespräch mit der hiesigen Polizei dazu. Die Herren waren natürlich nicht meinetwegen da, sondern dem kleinen Fiat Panda und Willy auf dem Dach geschuldet.

Nun stehe ich auf so etwas ähnlichem wie einem Campingplatz und warte ab. Mal sehen, ob noch jemand kommt und Geld möchte, lange halte ich die Augen nimmer auf. In meinem Kopf schwankt es leider immer noch ein bisschen von der Überfahrt – meine Empfindlichkeit gegenüber schwankenden Böden ist halt echt arg. Aber es wird täglich besser!
Gute Nacht uns allen……
| Kleines Auto und dennoch können sich Dinge verstecken:
Als ich meine Kamera aufladen will, finde ich nicht das Ladekabel. Habe ich es vergessen mitzunehmen? Nein, bin mir sicher, dass ich es eingepackt habe. Ist mir das Kabel versehentlich aus dem Gletscherfloh gefallen – möglich. Jedenfalls totaler Mist. Habe zwar zwei Reserveakkus dabei, aber dennoch, ohne Ladekabel geht gar nicht. Ich denke darüber nach, ob in Selfoss ein Geschäft ein USB-Ladekabel haben könnte. Aber was soll ich sagen: Nach einem kleinen Mittagsschlaf greife ich einmal in eine Staukiste und finde…das Ladekabel. Wo es sich wohl vorher versteckt hatte? |
Montag, 08.06.2026 Südküsten-Klassiker: Von Trollen, Tieren und Touristenmassen
So ganz ruhig war die Nacht auf dem „so etwas wie Campingplatz“ leider nicht. Immer wieder knallten Autotüren, dazu ununterbrochenes Gerede – ich bin in Sachen nächtlicher Stille inzwischen einfach etwas verwöhnt. Dennoch: Für schmale 7 € darf man nun wirklich nicht zu viel erwarten, und es gab immerhin ein Toilettenhäuschen. Man merkt einfach, dass es im Süden Islands immer kniffliger wird, mal irgendwo für eine Nacht einfach so zu stehen. Momentan geht es ab und an noch ganz gut, aber in der absoluten Hochsaison im Juli und August ist hier absolut nichts mehr zu wollen.
Morgens um vier war ich deshalb schon wach und machte mich bald auf den Weiterweg nach Vík í Mýrdal, dem südlichsten Punkt von Island. Da es zu diesem Zeitpunkt noch nicht regnete, nutzte ich unterwegs die Gelegenheit, ein bisschen die Drohne fliegen zu lassen. Hoffentlich sind ein paar spannende Aufnahmen dabei! So früh am Morgen heißt es allerdings: extrem vorsichtig fahren. Die Enteneltern wollen mit ihrer Jungenschar über die Straße zum nahen Teich, und auch die Schafe liegen gerne mal irgendwo im Weg herum. Es passiert leider immer wieder, dass Tiere totgefahren werden – das wollte ich tunlichst vermeiden. Während der Fahrt ratterte mein Hirn zudem ununterbrochen, weil ich das Ladekabel für meine Kamera vermisse. So ein Mist, hoffentlich habe ich es nicht irgendwo verloren! In Vík angekommen öffnete der Himmel dann seine Schleusen. Wegen des Regens flüchtete ich mich erst einmal in das örtliche Strickwaren- und Andenkengeschäft für einen kleinen Bummel.
Die versteinerten Wächter von Vík
Mein eigentliches Ziel war der weltberühmte schwarze Sandstrand mit der bekannten Basalthöhle. Diese ist nun allerdings nicht mehr begehbar, weil das Wasser schlichtweg kam und blieb. Draußen vor der Küste ragen dafür die monumentalen Basaltfelsen Reynisdrangar empor.
Einer isländischen Sage nach sind diese markanten, bis zu 66 Meter hohen Felsnadeln das Resultat eines missglückten Troll-Ausflugs. Drei ungeschickte Trolle wollten einst einen großen Dreimaster an Land ziehen, vergaßen dabei jedoch völlig die Zeit. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages erwischten sie jäh und verwandelten sie augenblicklich in Stein – das unbarmherzige Schicksal aller Trolle im Sonnenlicht. Seitdem stehen sie als stumme Wächter im Nordatlantik.
Kommerz und Kontrastprogramm
Zu meiner Enttäuschung musste ich feststellen, dass die Isländer hier unten an der Südküste mittlerweile für jede noch so kleine Sehenswürdigkeit extrem hohe Parkgebühren verlangen. Für mich allein und nur für ein kurzes Schauen ist mir das einfach zu teuer – zumal ich die Ecken schon kenne und das Regenwetter absolut nicht einladend war. Also fielen diese Stopps (Seljalandvoss, Skogavoss) kurzerhand aus.
Dasselbe Spiel beim Dyrhólaey, dem Felsklotz mit der Felsbrücke und dem Leuchtturm sowie den Puffins: Autos über Autos. Nein, das mag ich mir heute nicht antun. Stattdessen entschied ich mich für das Kontrastprogramm: ein schönes, erholsames "Bubu" (Schläfchen) im Auto, mit direktem Blick auf die rauen Felsen, an denen sich die Möwen tummelten.
Später klarte es dann zum Glück etwas auf und die Sicht wurde deutlich besser. Ich konnte an einem Wasserfall ein paar wunderschöne Bilder schießen und beobachtete eine Gruppe Islandpferde mit ihren Reiterinnen. Auch ein typisch isländisches, schönes Kirchlein lag noch am Wegesrand.
Ausblick: Kurs auf die Westmännerinseln
Am Nachmittag fiel dann eine wichtige Entscheidung für die nächsten Tage: Übermorgen geht es auf die Westmännerinseln (Vestmannaeyjar)! Der Wetterbericht verspricht aktuell Sonnenschein – bitte, bitte, bitte lass es so bleiben!
Nun stehe ich für die Nacht an einem kleinen, sehr idyllischen Bach. Ich war eben noch an einem Wasserfall spazieren und habe mir im Camper eine Portion leckere Nudeln gekocht. Satt, zufrieden und geschafft hoffe ich nun auf ein paar ruhige, ungestörte Stunden Schlaf.

Dienstag, 9. Juni – Regenwetter im Süden, ein exklusives Beben und eine kleine Grillparty am schwarzen Strand
Früh um 4:30 Uhr klopft der Tag bereits unmissverständlich an die Scheiben des Gletscherflohs. Es regnet. Und dieser Regen hält sich hartnäckig, legt sich wie ein grauer Schleier über die moosbedeckten Lavafelder des Südens. Doch Island wäre nicht Island, wenn man dem Wetter nicht mit einer gehörigen Portion Humor begegnen würde. Daher gleich zu Beginn eine kleine Geschichte zum Schmunzeln:
Es könnte alles so wunderschön sein im isländischen Sommer. Die Hochland-Elfen geben sich wirklich jede erdenkliche Mühe, um die Natur von ihrer besten Seite zu präsentieren. Geduldig polieren sie die seltenen Sonnenstrahlen, bürsten das weiche Moos auf Hochglanz und versprühen einen Hauch von frischem Lavendelduft in der Brise, während wir Reisenden voller Hoffnung die Sonnencreme bereitlegen. Doch genau in dem Moment, in dem die erste Sonnenbrille aufgesetzt wird, erwacht Kark, der Regentroll.
Kark hält absolut nichts von kollektiver Fröhlichkeit oder trockenen Socken. Seine Morgenroutine beginnt meist mit einem herzhaften Gähnen, das ein leichtes Erdbeben auslöst, gefolgt vom rücksichtslosen Herbeiziehen einer fetten, grauen Wolkendecke. Während er sich gemütlich im strömenden Regen duscht und fies in sich hineinkichert, versuchen die Elfen verzweifelt, sich zu wehren. Sie schießen mit Regenbogen-Kanonen und wedeln hysterisch mit ihren Zauberstäben, um den Wind zu drehen – doch gegen Karks Sturheit kommen sie einfach nicht an. Wenn ihm eine Fee zu bunt wird, niest er einmal kräftig, und schon peitscht der berühmte Horizontalregen im 90-Grad-Winkel über die Ringstraße. Am Ende bewahrheitet sich immer wieder die goldene Wetterregel der Insel: Wenn dir das Wetter in Island nicht gefällt, warte fünf Minuten – dann hat der Troll ein neues Level der Gemütlichkeit erreicht und es schüttet noch doller. Die Feen haben zwar die Ästhetik, aber der Troll hat einfach die bessere Ausdauer. Deshalb bleibt die Regenjacke hier das wichtigste Accessoire, während die Schönwetter-Bringer frustriert in der Mittagspause sitzen.Zurück auf der asphaltierten Realität der Ringstraße musste ich ernsthaft überlegen, wie ich den heutigen Tag gestalten wollte. Dauerregen lädt nicht gerade zu großen Wandertouren ein, und die bekannten Highlights hier unten im Süden kenne ich ohnehin schon. Also entschied ich mich für die entschleunigte Variante: gemütlich dahintingeln, die Seele baumeln lassen und Schwäne, Pferde sowie Schafe am Wegesrand beobachten. Es reichte für ein schnelles Foto vom Seljalandsfoss – erstaunlicherweise ganz ohne die sonst üblichen Menschenmassen – und später für einen wirklich guten, wärmenden Kaffee an einer Rastanlage.
Um dem Regen endgültig zu entfliehen, fasste ich einen Entschluss, griff etwas tiefer in die Tasche und gönnte mir einen Besuch im Volcano Center. Um 8:30 Uhr war ich die allererste – und für eine ganze Weile auch die einzige – Besucherin. Ein exklusives Erlebnis! So konnte ich das simulierte Erdbeben in der Demobox unter meinen Füßen voll und ganz auskosten. Es folgten zwei Durchgänge der Multimediashow über die gewaltigen Vulkanausbrücke der vergangenen Jahrzehnte. Ich gestehe, es war absolut spannend, und da ich allein im Saal war, hat mein begeistertes „Ohh“ und „Ahh“ niemanden gestört. Allerdings muss man ehrlich sein: Für 36 Euro Eintritt gab es außer freiem Zugang zum WC keinerlei Extras. Die riesige Grundfläche des Andenkenladens samt Café stellt das eigentliche Center glatt in den Schatten. Ein Schelm, wer hier an touristische Abzocke denkt... mehr fällt mir dazu nicht ein.
Danach stand mir der Sinn nach bodenständigeren Dingen. Ein Bummel durch den örtlichen Baumarkt und der Besuch in einem wunderbaren Wollgeschäft hoben die Stimmung merklich. Zwischen all den herrlichen Islandpullovern, Mützen, Socken und Handschuhen breitete sich plötzlich dieses wohlige, warme Gefühl von Zuhause aus. Zur Stärkung gab es an der Tankstelle einen der landestypischen Hotdogs – unheimlich lecker und erfreulich erschwinglich. Im Supermarkt wanderte zudem ein feines Lammsteak in meinen Korb. Das versprach angesichts des „herrlichen Grillwetters“ noch eine spannende Zubereitung (hier musste ich laut lachen). Erst einmal stand jedoch Erholung auf dem Programm: An einem Wasserfall, den ich mir ganz bequem und trocken durch das Autofenster betrachtete, gönnte ich mir ein ausgiebiges Nickerchen. So hat das Wetter eben auch sein Gutes – ich nehme diese erzwungene Ruhe gerne an.
Als ich die Augen öffnete, parkte direkt neben mir ein Schweizer mit seinem hochmodernen Mercedes-Camper. Oh weh, wie unauffällig und klein wirkt mein treuer Floh dagegen! Nach der Mittagspause hatte der Wettergott ein Einsehen: Trockenen Fußes spazierte ich zu einem nahegelegenen Wasserfall mit Fischtreppe. Auf dem Weg zum Fährhafen wurden noch schnell die Wasservorräte für die Nacht aufgetankt und die Sanitäreinrichtungen genutzt. Wenn ich so unterwegs bin, habe ich glücklicherweise das Talent, immer genau dann zu müssen, wenn eine Toilette in der Nähe ist (ein kurzes Schmunzeln am Rande).Und dann die Überraschung: Pünktlich zum Packen kam tatsächlich die Sonne hervor! So konnte ich meine Sachen im Trockenen sortieren. Morgen geht es auf die Westmänner-Inseln. Ein bisschen Gepäck muss mit, während der Kocher und die sperrigen Dinge im Auto bleiben. Ich hoffe sehr, dass mein Tretroller dort sicher steht und meinen Sachen während meiner Abwesenheit nichts geschieht.
Ein wunderschöner Strandspaziergang krönte schließlich diesen Tag. Feiner, tiefschwarzer Sand, majestätische, hohe Wellen und der weite Blick hinüber zu den Inseln. Nach etwa 20 Minuten Fußweg entdeckte ich die verwitterten Reste eines alten Holzbootes im Sand. Mit den Resten der grauen Wolkendecke des Tages über den Gletscherflächen des Eyjafjallajökull sah das einfach fantastisch aus.
Nun bin ich zurück am Floh und habe den Kocher für meine ganz persönliche Grillparty angeworfen. Windgeschützt im Windschatten des Autos hat es mit dem Pfännchen super funktioniert und die Lammsteaks waren schlichtweg köstlich. Dazu ein frischer Salat, ein Brötchen und schöne Musik, die aus einem kleinen Lautsprecher von meinem Handy klingt. In diesem Moment spüre ich ein tiefes Gefühl des Ankommens. Ich möchte nirgendwo anders sein als genau hier, im Jetzt.


Da es nun doch schon spät geworden ist, verabschiede ich mich langsam ins Traumland. Ich kuschele mich gleich in meinen Schlafsack und freue mich auf einen erholsamen Schlaf bis zum Morgen. Es fasziniert mich immer wieder, dass im Gletscherfloh morgens die Scheiben kaum beschlagen sind. Das passiert erst, wenn ich Wasser koche, aber das ist ja ganz natürlich. Meine selbstgenähten Thermomatten leisten einfach großartige Arbeit: Sie dunkeln perfekt ab und halten die Wärme wunderbar im Womo-chen. Und noch ein positiver Nebeneffekt: Ich werde von Tag zu Tag gelenkiger! Bis ich mich im Gletscherfloh dorthin verbogen habe, wo dies und das liegt – bessere Dehn- und Streckübungen gibt es gar nicht, herrlich!
Das war es für heute aus dem Norden. Ich wünsche uns allen eine gute, erholsame Nacht und Gottes Segen.