13. Juni 2026 Vom Fährhafen ins Kerlingarfjöll – Staub, Schmelzwasser und die Magie der Mitternachtssonne
Die Wettervorhersage verspricht heute einen traumhaften Tag im Hochland. Also fackele ich nicht lange und beschließe, von meinem Nachtplatz nahe dem Westmänner-Fährhafen Landeyjahöfn direkt hochzufahren. Vor mir liegt eine Strecke von gut 165 Kilometern bis in das spektakuläre Thermalgebiet Kerlingarfjöll. Laut aktuellem Straßenzustandsbericht ist die Hochland-Piste 35 (Kjalvegur) bis dorthin bereits für normale 4x4-PKW freigegeben.
Als ich ankomme herrscht Bilderbuchwetter. Im Campbereich wird allerdings schnell klar: Hier kostet mittlerweile alles Geld, selbst das bloße Parken. Die Registrierung läuft komplett digital über eine App, die sofort abbucht, sobald man auf einen der kostenpflichtigen Parkplätze einfährt. Am Parkplatz treffe ich einen einheimischen Drohnenpiloten, der mir einen wertvollen Ratschlag gibt: Für ein bequemeres Fahren auf der rauen Piste soll ich etwas Luft aus den Reifen lassen. Das Abfedern der unebenen Schotterstraße übernehmen auf solchen Pisten ja sowieso hauptsächlich die Reifen und nicht die Stoßdämpfer. Ich folge dem Tipp, und tatsächlich fährt es sich spürbar angenehmer. Da es anfangs noch angenehm leer ist, nutze ich die Gunst der Stunde für einen kurzen eigenen Drohnenflug, um die gigantische Kulisse aus der Vogelperspektive einzufangen. Doch lange bleibt es nicht so ruhig. Nach und nach treffen immer mehr Autos und Besucher ein. Die schönste, ungestörte Zeit im wunderschönen Thermalgebiet habe ich zu diesem Zeitpunkt zum Glück schon für mich genutzt, und so mache ich mich langsam wieder auf den Weg.
Das Kerlingarfjöll ist ein imposantes Vulkanmassiv im zentralen Hochland Islands, eingebettet zwischen den Gletschern Hofsjökull und Langjökull. Es besticht durch seine markanten, rötlich-gelben Rhyolithberge und das darin verborgene Thermalgebiet Hveradalir. Hveradalir zählt zu den größten und aktivsten Solfatarengebieten des Landes, geprägt von heißen Quellen, kochenden Schlammtöpfen und weithin sichtbaren Dampfsäulen. Das gesamte Areal ist inzwischen touristisch sehr gut erschlossen. Das Resort vor Ort, die Highland Base Kerlingarfjöll, bietet neben einem modernen Hotel und gemütlichen Hütten auch einen Campingplatz (Campsite) sowie Stellplätze für Camper. Die Infrastruktur umfasst sanitäre Anlagen, ein Restaurant und einen Zugang zu den warmen Thermalbädern, wobei alle Serviceleistungen und Parkgebühren digital über Park-Apps abgerechnet werden.
Nach meinem Bauchgefühl entscheide ich spontan, nicht wieder den gleichen Weg zurückzufahren, sondern weiter nach Norden durchzuziehen. Ich mache eine kurze Stippvisite im Geothermalgebiet Hveravellir, wo eine Übernachtung im eigenen Auto schlanke 2.200 ISK pro Person kosten würde. In den dortigen Hoot Pool gehe ich noch nicht, Husten und Erkältung sind noch nicht ganz abgeklungen und ich will mir nach dem warmen Wasser keinen Zug in der kalten Luft holen.
Also setze meine Fahrt in Richtung Norden fort. Dass dieser nördliche Teil der Route 35 zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch gar nicht offiziell für normale 4x4-PKW freigegeben ist, erfahre ich allerdings erst hinterher. Mit mir sind einige andere Mietwagen unterwegs, die mich zunächst recht zügig überholen – bis wir plötzlich vor einem massiven Hindernis stehen. Eine sehr große Pfütze, oder besser gesagt ein kleiner See aus aufgestautem Schmelzwasser, versperrt die Piste. Dort wird dann erst einmal ausgiebig debattiert, wer das Hindernis wie durchquert oder am besten umfährt. Schließlich ergreife ich die Initiative und fahre los. Hier zeigt sich der große Vorteil meines kleinen Autos: Notfalls kurve ich einfach wendig um die fiesesten Hindernisse drumherum. 
Am Blöndulón-See gebe ich dann schließlich für heute auf. Übervoll von den unzähligen Eindrücken des Tages, aber auch erschöpft und mit brennenden Augen von der hochkonzentrierten Fahrerei im Gelände, beschließe ich, genau hier die Nacht zu verbringen.
Kurzfassung des Tages: Über die Piste 35 zum Kerlingarfjöll und immer weiter Richtung Norden. Schotterpiste satt. Artig Luft aus den Reifen gelassen und der Kleine schlägt sich wirklich tapfer. Ein toller Tag, aber jetzt brennen die Augen und der feine Staub knirscht einfach überall. Müde, erschöpft und rundum zufrieden mache ich die Augen zu. Zu allem Überfluss wache ich um Mitternacht noch einmal zufällig auf und kann dafür aber die rot-goldene Mitternachtssonne fotografieren, die nur zwei Stunden später ein kleines Stück daneben schon wieder aufgeht. Einfach verrückt.
Tag 14: Von Basaltsäulen, Seehunden und den Spuren eines Geächteten
Was für ein Kontrastprogramm heute! Nach einer herrlich ruhigen, fast mystischen Nacht am Ufer des weitläufigen Blöndulón-Stausees zog es mich heute Morgen wieder in Richtung Küste. Mein Ziel: die wilde Halbinsel Reykjaströnd im Norden der Insel. Die letzten geschotterten Kilometer der Hochlandstrasse 35 (nach Entschärfung der einzigen kritischen Furt durch eine Brücke keine Einstufung mehr als F-Strasse, dennoch ruppig und rau und wunderschön).
Der Wächter der Küste: Skarðsviti
Die Fahrt zur Halbinsel belohnte mich mit tollen Ausblicken, doch das eigentliche Highlight wartete am Skarðsviti-Leuchtturm. Der einsame, hellorangefarbene Turm trotzt hier oben den Elementen, aber der wahre Blickfang liegt direkt am Ufer darunter.
Die Natur hat hier eine absolut skurrile Kulisse aus Basaltfelsen erschaffen. Überall ragen lange, perfekt geformte Gesteinssäulen empor – einige stehen senkrecht, viele liegen jedoch komplett waagerecht, wie von Riesen sauber aufgestapelt. Ein faszinierendes Geologieschauspiel, an dem man sich kaum sattsehen kann.
Danach hieß es: Augen aufhalten! Ich habe mir ein ruhiges Plätzchen an der Küste gesucht, um nach Seehunden Ausschau zu halten. Mit etwas Geduld konnte ich tatsächlich einige der neugierigen Köpfe aus dem Wasser ragen sehen. Ein wunderbar friedlicher Moment.
Danach folgte auf der Halbinsel Skagi noch der 120 m hohe Wasserfall Ketubjörg, der spektakulär direkt ins Meer stürzt.
Ein Bad in der Geschichte: Grettislaug
Der krönende Abschluss dieses Tages wartete in Reykir. Was gibt es Besseres, als nach einem langen Tag an der frischen, isländischen Luft in den Grettislaug Hot Pool (1800 ISK) zu steigen?
Es ist einfach herrlich: Man sitzt mitten in dieser rauen, wilden Landschaft in einem dampfenden, natursteinernen Wasserloch, während einem die kühle Meeresbrise um die Nase weht. Das ist Island-Feeling pur!
Der Pool verdankt seinen Namen Grettir dem Starken, einer der berühmtesten und tragischsten Figuren der isländischen Sagas. Der Legende nach lebte Grettir als Geächteter im Exil auf der steil aufragenden Insel Drangey, die man vom Pool aus perfekt im Blick hat.
Als auf der Insel das lebensnotwendige Feuer erlosch, vollbrachte er eine schiere Unmöglichkeit: Er schwamm die über 7 Kilometer lange Strecke durch das eiskalte Meer bis zum Festland! Völlig unterkühlt rettete er sich genau in diese heiße Quelle, um seinen gefrorenen Körper wieder aufzuwärmen, bevor er mit glühenden Kohlen im Gepäck zurück nach Drangey ruderte.
Wenn man hier im warmen Wasser sitzt und hinüber zu der schroffen Silhouette von Drangey blickt, erwacht die alte Saga förmlich zum Leben. Ein magischer Ort, um den Tag Revue passieren zu lassen. Jetzt krieche ich tiefenentspannt in den Schlafsack. Ich liege und das tut sooooo gut. Es ist purer Luxus das Bett im Floh
16. Juni 2026 –Walewatching nahe Akureyri
Die letzten zwei Wochen waren wie ein Rausch. Ich wurde in den vergangenen Tagen mehrfach gefragt, wie oft ich denn planen würde, die Insel zu umrunden, wenn ich in dieser Geschwindigkeit weitermache. Meine Antwort darauf: Es ist, wie wenn man nach Jahren einen alten Freund trifft. Da werden auch erst einmal schnell die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht, bevor man dann – auf der zweiten Runde – so richtig in die Details geht.
Doch nun, da ich mich für einen Ausflug auf schwankenden Planken hinüber nach Grimsey entschieden habe und die Fährfahrt erst am Sonntag sein wird, stoppt mich dieser Plan ein wenig aus. Ich habe mich dabei bewusst am vorhergesagten Wetter orientiert, denn ich will ja kein Wetter wie heute, sondern das Traumwetter von gestern beim Whalewatching: blauer Himmel, grüne Wiesen, Sonne über dem Meer. Also werde ich vorerst im Dunstkreis von Akureyri bleiben.
Das perfekte Licht für den Fjord
Ja, gestern, wie war das eigentlich: Nach einer gut geschlafenen Nacht abseits der Strasse, die die Halbinsel umrundet, habe ich kurzentschlossen eine Wale-Tour gebucht. Schon beim Aufwachen übergoss die Sonne die fantastische Landschaft am Akureyri-Fjord mit einem kristallklaren Licht. Zwar pfiff der Wind – wie eigentlich immer, seitdem ich hier auf Island angekommen bin –, aber eine solche Gelegenheit wollte ich mir einfach nicht entgehen lassen.
Die Berge auf der gegenüberliegenden Seite des Fjordes strahlten mit ihren weißen Schneekappen über das blaue Meer. Die Informationen aus dem Internet besagten außerdem, dass Wale- und Delphinsichtungen heute sehr wahrscheinlich seien.
Mit Überlebensanzug auf Deck
Ich zog mich also dick an, wohlwissend, dass es draussen auf dem Meer nochmals deutlich windiger und kühler sein kann. Gleichzeitig hatte ich aber die Sorge, dass der Überlebensanzug, den jeder Besucher auf solchen Bootstouren angezogen bekommt, nicht nur vor dem Eiswasser im Fall eines Unglücks schützt, sondern bei Sonne auch schnell zur Sauna werden kann. Um es kurz zu machen: Sonne und Wind hielten sich wunderbar die Waage und es war am Ende genau richtig.
Und dann liefen wir in unseren unförmigen Anzügen immer wieder von links nach rechts und zurück über das Deck, um den Buckelwalen und Minkwalen dabei zuzuschauen, wie sie mit einer Fontaine die verbrauchte Luft herauspressen, dann etwas an der Oberfläche dümpeln und danach wieder abtauchen – hoffentlich mit der Flosse oben aus dem Wasser heraus.
Gedanken im Wind
Den Nachmittag habe ich dann in einem einsamen Tal mit einer Wanderung verbracht. Der Wind trug Erinnerungen an meinen Zwillingsbruder heran, ließ tiefe Emotionen aufsteigen… und nahm sie aber auch wieder mit sich. Es tut gut, sich mit seinem Tod auseinander zu setzen, aber auch, diese Gedanken danach wieder gehen lassen zu können.
Übernachtet habe ich nochmals an derselben Stelle wie in der Vornacht – warum was Gutes nicht einfach doppelt nutzen! Und der Abendessenplatz ist doch genial:

17.06.2026 Schneehühner, Roller-Duelle und eine Raumkapsel
Hallo ihr Lieben,
es neigt sich wieder ein abenteuerlicher Tag dem Ende entgegen. Nach einer wunderbar ruhigen Nacht am selben Stellplatz wie die Nacht zuvor bei Dalvík startete der Morgen genau so idyllisch, wie der gestrige aufgehört hatte: Die Schneehühner und Goggels gaben sich wieder ihr charmantes Stelldichein. Den ersten heißen Kaffee gab es direkt mit Blick auf die schnee- und wolkenverhangenen Bergwipfel. Ein herrlicher Moment der Ruhe! Das Wetter meinte es heute zwar nicht ganz so strahlend freundlich mit mir wie gestern, aber auf Island gilt ja ohnehin das ewige Optimisten-Mantra: „Es könnte schlimmer sein!“
Der Plan für den zweiten Kaffee an der Tankstelle wurde allerdings eiskalt durchkreuzt. Island feiert heute seinen Nationalfeiertag: An diesem Tag im Jahr 1944 löste Island die Personalunion mit Dänemark auf und gründete die heutige Republik. An so einem Tag wird auf meinen Koffeindurst verständlicherweise keine Rücksicht genommen. Alles dicht! Aber halb so wild, so ging es eben ohne Zwischenstopp und schön zeitig weiter in das kleine, ehemals große Fischverarbeitungsdorf Hjalteyri.
Heute wirkt der Ort wie ein klassischer „Lost Place“ – aber nein, nicht ganz. Es hat vielmehr das Flair eines kreativen Künstleranwesens. Die einstige, riesige Fischfabrik bietet einen absolut speziellen, individuellen Anblick. Als ich ankam, war noch alles komplett menschenleer. Dennoch hat mich dieses Fleckchen Erde sofort begeistert: eingekesselt vom rauen Meer auf der einen und dem wilden Hinterland auf der anderen Seite.
Eine erfrischende Begegnung gab es dann aber doch noch! Ein kleiner isländischer Junge flitzte mit seinem Tretroller an mir vorbei und zeigte mir stolz, was er alles so drauf hat. Da konnte ich natürlich nicht hintenanstehen: Ich habe ihm erst mal demonstriert, was ich auf meinem „Gletscherfloh“ so alles parat habe: den Willy. Da wurden die Augen sichtlich groß! Ein tiefgründiges Fachgespräch über das Tretrollerfahren und die perfekte Technik durfte da im Anschluss natürlich nicht ausbleiben. Herrlich!
Bei einsetzendem Nieselregen ging es schließlich weiter nach Akureyri (da gab es das erste Eis der Reise). Hier wartet jetzt ein ganz besonderes Kontrastprogramm auf mich: Für die nächsten zwei Tage gibt es eine kleine Auszeit in einer modernen Raumkapsel. Das passt ganz gut, denn leider quält mich immer noch ein ziemlich beißender Husten und auch die Nase weigert sich standhaft, wieder frei zu werden. Mist, aber ändern kann ich es im Moment halt auch nicht.
Aktuell trinke ich wie wild Ingwer-Zitronen-Tee und nehme meinen Hustensaft. Alla gut – Schluss mit dem Gejammer!
Habt einen schönen Abend und eine gute, erholsame Nacht!
