Abenteuerrunde mit Willy, meinem Kickbike

Darf ich vorstellen: Willy, der gute Finnscoot-Tretroller, der in seinem bisherigen Leben nur Scheune sah und gelegentlich einen Feldweg. Sozusagen ist er ein „Scheunenkind“ und nun für den Rest seines Lebens mit mir und ein paar Abenteuern verbunden. Ich kann noch so gar nichts über seine Mucken und Schwachstellen erzählen – zu wenig haben wir bisher zusammen erlebt. Ich habe ihn bestmöglich aufgepäppelt, vom angesetzten Rost befreit, die maroden Reifen gewechselt und hier und da ein bisschen Schmierstoff verteilt. Eine verschlissene Lenkertasche (geschenkt bekommen) dient nun, ein wenig umfunktioniert, als Träger für die schweren Teile der Ausrüstung: Schlafmatte, Zelt, Regenklamotten und die Elektrik. Der Rest findet Platz in meinem Tagesrucksack.


Von Kopasker nach Raufarhöfn und zurück mit Kickbike Willy Von Kopasker nach Raufarhöfn und zurück mit Kickbike Willy - knapp 100 km

28.06.2026: Gegenwind auf der Melrakkaslétta

Super geschlafen und fit für den Tag. Der begrüßte mich mit Regen, Regen, Wolken, null Sicht und einem leckeren Kaffee. „Another cup of coffee before I go“, trällere ich vor mich hin und blättere durch die tollen Bücher in Benedikts Musikzimmer – ein Ort, der mich unweigerlich an meinen Bruder denken lässt. Endlich Niesel, meine Gelegenheit! Alles aufgerödelt, Regenklamotten drüber und ab geht die Post. Kalter, eisiger Wind schlägt in mein Gesicht, raubt mir kurz den Atem. Brrrrrr, was mach ich nur…

Ich rolle aus Kopasker Richtung Süden hinaus. Der Wind kommt nach der ersten Abzweigung Richtung Raufarhöfn von hinten – Juhu, das vereinfachte den ersten Tag erheblich! Nach 10 km dann der Schreck: Die rechte Hüfte fängt an zu schmerzen. Ich kenne diesen Schmerz, mir wird ganz mulmig. Ein Mix aus Gehen und Rollern folgt, aber Gehen ist eher Humpeln und ich werde ganz gedrückt. „Komm lass dir Zeit, Andrea“ sage ich mir selbst. Hat es etwas mit Zeit zu tun, hmmm? Ich schleppe uns also dahin und versuchte das Problem zu ignorieren. Darin bin ich bisweilen nicht die Schlechteste, müsst ihr wissen.

Zwei Stunden später legt sich der Schmerz, die ersten Sonnenstrahlen zeigen sich. Die Melrakkaslétta ist eine Landschaft, die mich nicht überreden muss. Sie liegt einfach da, weit und schweigend, ein Spiel aus Moos, Lavafeldern und Tundra. Der Himmel über dieser Halbinsel ist riesig – größer als anderswo.

Als ich 15 Uhr, nur noch 6 km zu fahren, kurz vor Raufarhöfn eine Pause mache, mit traumhaftem Blick auf die Küste zwischen schroffen Felsen und lieblicher Graslandschaft, denke ich, das Gröbste sei geschafft. Doch beim Losfahren bläst der Wind plötzlich direkt von vorn. Eine Stunde Kampf bis zum Campingplatz nach so viel Rückenwind über die Mittagszeit. Als ich 17:05 Uhr am örtliche Superkleinmarkt stehe, hat der schon zu: geöffnet bis 17 Uhr. Der Betreiber öffnete glücklicherweise nochmal die Türe und ich kann fragen, wo es den sonst noch etwas zu Essen für mich gibt. Das Restaurant da vorne, wo die Islandflacke weht, ist seine Antwort.

Aber in der Nähe gibt es Fish and Chips. Nicht das Beste, aber der Hunger macht es schmackhaft. Danach schnell zurück zum Campingplatz, Willy abstellen und die Badesachen schnappen. Das Schwimmbad nebenan hat zum Glück noch bis 19:30 Uhr geöffnet, und ich freue mich schon riesig auf den heißen Pott.

Das Mädel an der Rezeption – eine eingeheiratete Holländerin – empfing mich total freundlich, und wir kamen direkt in ein kurzes Gespräch. Mit einem Tretroller so weite Strecken zurückzulegen... „WARUM?!“, wollte sie fassungslos wissen. „Na, just for fun!“, gab ich ihr zur Antwort. Ob ich in diesem Moment allerdings noch sonderlich nach „Fun“ aussah, bezweifelte ich ehrlicherweise selbst angesichts der Erschöpfung in meinen Gliedern.

Dann gings aber ab unter die Dusche und rein ins Vergnügen, ab in das herrlich heiße Wasser. Boahhhh, das tat den müden Gliedern guuuuut! So ließ ich mich eine ganze Stunde lang einfach nur einweichen und wechselte danach nahtlos in meinen warmen Schlafsack. Schnaaaaarschhhh…


29.07.2026: Verzweiflungsmoment und arktische Weite

4.30 Uhr klingelt der Wecker, schnell alles zusammengepackt und auf Willy und mich verteilt. Kaffee gab es keinen, nur Wasser – tja, Gewicht sparen, das habe ich jetzt davon. Die 54 km Schotterpiste vor mir sind ein Wagnis, dazu der ständige Gegenwind. Zuerst trödele ich an den „Arctic Henge“ (Der Arctic Henge bei Raufarhöfn ist ein monumentales Bauwerk aus aufgetürmten Steinen, das mit seiner beeindruckenden Architektur an ein modernes Stonehenge erinnert. Als mystischer Ort an der Nordküste Islands soll er nicht nur die Geister fernhalten, sondern bildet bei Mitternachtssonne eine faszinierende Verbindung zwischen Mythologie und isländischer Natur.).

Ich nutze die Gelegenheit und lasse meine DJI Neo 2, meine kleine „Muck“, in die Luft steigen – so eine Selfie-Drohne muss einfach mal zum Einsatz kommen. Ich hoffe inständig, dass sie den Flug durch die massiven Steinmonumente unbeschadet übersteht! Doch das hat erstaunlich gut geklappt und ich freue mich riesig auf die Aufnahmen. Die kleine Drohne sollte sich über den Tag noch manchen Anstrengungen stellen müssen – genau wie ich übrigens auch!

Da für 9 Uhr Wind gemeldet ist, schaue ich, dass ich bis dahin schon mal ein paar Kilometer schaffe. Auf den Roller, fertig, los! Die Landschaft könnte nicht bezaubernder sein und motiviert mich ungemein, vorwärtszukommen. Immer wieder mache ich kleine Pausen, nur um zu verweilen und zu staunen: Wasser, grüne Wiesen voller blühender Butterblumen und Löwenzahn, dazu Seevögel ohne Ende – einfach herrlich, was für ein Genuss.

Während ich fleißig fotografiere und filme, vergeht die Zeit wie im Flug, bis plötzlich der Wind einsetzt. Und zwar nicht schleichend, sondern mit einem Schlag von der Seite! Das macht das Fahren zwar nicht gerade angenehm, aber der Anblick der Landschaft entschädigt dafür vollkommen: Dieses endlose Meer, hinter dem nur noch der arktische Ozean kommt. An den Ufern liegen unzählige Baumstämme, die das Meer von weit her herangetragen und hier ausgespuckt hat – ein ganz besonderer Anblick. Wer weiß wohl, wo ihre Reise begonnen hat? Wir halten uns derweil tapfer und rollern, so gut es geht, vor uns hin, auch wenn ich Willy gelegentlich schieben muss. Oh, ein erstes Auto kommt uns entgegen! Es hält an, und zwei Frauen fragen besorgt, ob alles in Ordnung sei und ob ich Hilfe bräuchte. Ich verneine dankend, freue mich aber sehr über diese nette Begegnung am frühen Morgen.

Bei etwa 20 Kilometern kam dann der totale Einbruch: Meine Energie war im Keller und mein Kopf spielte verrückt. Ich saß am Straßenrand, und selbst die traumhafte Landschaft konnte mich in diesem Moment nicht mehr motivieren. Ich war einfach nur müde und deprimiert, denn der Wind war so angriffslustig, dass er sogar die Seeschwalben in den Schatten stellte. „Wie soll ich da noch 34 Kilometer schaffen?“, fragte ich mich. Umkehren? Nein, eigentlich wollte ich das nicht, denn die Strecke an sich gefiel mir sehr gut. Oha, mein geliebtes Snickers, das mir schon auf dem PCT so oft aus der Krise geholfen hatte, war leider nicht zur Hand. Was nun? Ich knabberte an einem eher unbeliebten Hafer-Honig-Riegel – ein echtes Notfallessen eben.

Doch dann wurde mir klar: War das nicht genau das, was ich gerade durchlebte? Ein Notfall – ein kleiner mentaler Notfall. Körperlich war ich eigentlich in Ordnung, ich könnte also sehr wohl weiterfahren oder Willy schieben. Eine Entscheidung musste her. Ich entschied mich, weiterzumachen, vorerst ohne Plan B.

Es ist immer wieder erstaunlich, wozu man fähig ist, wenn man nur genug Willenskraft besitzt. Es geht darum, mental die Hürden zu nehmen, die sich einem in den Weg stellen, Grenzen zu erweitern und an sich selbst zu glauben. Ich habe gelernt, meine innere Kraft zu würdigen und den Zweifeln einfach die Stirn zu bieten. In solchen Momenten muss ich ein fürsorgliches, aber bestimmtes Machtwort mit mir selbst sprechen. Dann sage ich mir:

„Ich bin so dankbar, dass ich hier sein darf und dass mein Körper das so gut mitmacht. Gib mir Kraft und Mut für den weiteren Weg. Lass mich die Natur genießen, die Zeit wertschätzen und meinen Körper nicht überfordern. Ich fühle in mich hinein und stelle fest: Da ist noch mehr – ich kann das und ich will das. Auch wenn es mühsam ist, es ist machbar. Danke für die Kraft, die ich jetzt noch brauche.“

Ein Blick auf die Uhr verrät: Es ist erst 10 Uhr, und noch liegt ein langer Tag vor mir, sofern die Energie ausreicht, um das heutige Ziel zu erreichen. Momente voller Ehrfurcht und Staunen wechseln sich mit dem ständigen Kampf gegen den Wind und dem Wunsch aufzuhören ab. Es ist genau so, wie es immer auf der Langstrecke ist – das kann wohl jeder bestätigen, egal ob beim Laufen, Rollern, Radfahren oder Schwimmen. Es gibt diese Augenblicke, in denen man einfach nicht mehr will und sich fragt, warum man sich das eigentlich antut. Nur um kurz darauf wieder neuen Mut zu fassen, weiterzumachen, zu funktionieren und für eine Weile ein bisschen „Maschine“ zu sein. Zu funktionieren, genau wie in anderen Lebensphasen auch, in denen man einfach einen Gang runterschaltet und weitermacht. Wertfrei, urteilsfrei – einfach weiter.

Die Stunden ziehen sich, trotz der Ablenkung in dieser traumhaften Landschaft. Ich bin es nicht mehr gewohnt, so lange am Stück unterwegs zu sein, und spüre immer deutlicher meine körperlichen Grenzen. Die Beine wollen einfach nicht mehr, und die nicht gemachten Kniebeugen rächen sich jetzt bitterlich – ich muss lächeln bei dem Gedanken. Der Wind kommt gnadenlos von vorne, und erst gegen 14 Uhr soll er sich legen. Noch eine Stunde also, in der ich Willy schiebend über die endlos erscheinende Gerade dieses Wegabschnitts marschiere.

Kilometerlang führt der Weg durch das Landesinnere, während sich die Landschaft sanft in wellenförmigen Hügeln präsentiert. Erika und Blaubeeren schmiegen sich an die kleinen Lavahügelchen, und hier und da grasen Schafe. Gelegentlich rauscht ein Auto rücksichtslos an mir vorbei – diese Touristen haben wohl nur die Uhr im Kopf, wollen schnell die „langweilige“ Piste hinter sich bringen, um wieder bei den nächsten Highlights zu sein. Gott sei Dank sind es nicht viele. Die Einheimischen hingegen nehmen das Tempo raus, wenn sie so etwas wie eine „Außerirdische“ schon von Weitem auf ihrem Roller entdecken.

Um 17.30 Uhr komme ich hundemüde am Hostel an. Die 34 marschierten Kilometer stecken tief in den Beinen. Nur 20 km konnten gerollert werden, aber was soll’s – es ist geschafft! Nach einer großen Portion Nudeln-in-sich-hinein-schaufeln und einer heißen Dusche liege ich um 20 Uhr im Bett. Entspannt wäre übertrieben, mein Körper meldet die Belastung deutlich, aber ich bin glücklich. Morgen gönne ich mir die wohlverdiente Regeneration.


30.06.2026 Pausentag bei Regen, Regeneration in Kópasker

Boahhhh, was hab ich gut geschlafen! Heute gibt es erst mal die doppelte Portion Kaffee – das bringt mich hoffentlich auf die Beine. Selbige schwinge ich aus dem Bett, um dieses geschmeidig zu verlassen. Ja, von wegen! Sofort durchfährt mich ein Muskelkaterschmerz, wie ich ihn selten zuvor gespürt habe. Die gestrige, riesige Bike-Runde lässt grüßen... Schwupps, lande ich rittlings wieder auf dem Bett.

Also dann halt etwas gemächlicher. Dabei reift schnell der Entschluss, noch eine Nacht hier in Kópasker dranzuhängen, um mir und meinem Körper die verdiente Zeit zur Regeneration zu ermöglichen. So wird es heute eben ein kleiner Ausflug zurück an die traumhafte Küste von gestern – einfach schauen und Sein.

Gesagt, getan: Ich fuhr ein Stück der Rollerstrecke zurück bis über den Pass, um da oben die Aussicht zu genießen, die Drohne fliegen zu lassen und einfach zu ruhen. Später bin ich gemütlich die tolle Kieselküste entlanggeschlendert und kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, was die Zeit so alles aus der Lava zaubert. Wahre Kunstwerke! Dazwischen nisteten ein paar Möwen. Herrliche, pechschwarze Kiesel zieren den Strand und ich konnte einfach nicht widerstehen – ich musste sammeln! Nun ja, wer sich die Taschen so voller Kiesel füllen kann, dem kann der Muskelkater in den Beinen ja nicht zu sehr zu schaffen machen, lach. Eine leckere Mahlzeit und viel Ruhe rundeten den Tag ab. Zudem gab es noch eine Robbenbeobachtung am örtlichen Strand – das war auch Freude pur!

So wird es heute ein kleiner Ausflug zurück an die traumhafte Küste von Gestern und einfach schauen und Sein.Basaltkunstwerke


02.07.2026 - Die wilde Einsamkeit des Nordostens
Heute war einer dieser Tage, an denen man einfach nur staunend innehalten kann. Nach einer herrlich entspannten Pause in Kópasker, die meine Beine nach der großen Bike-Runde dringend brauchten, hat mich der Norden Islands heute wieder voll in seinen Bann gezogen.
Die Geografie der Einsamkeit: Am Rande der Arktis.
Früh machte ich mich mit meinem Gletscherfloh und Willy wieder auf die Straße. Lecker Kaffee gab es natürlich auch, und dann hat es nach der entspannten Pause doch wieder sehr in den Beinen zum Aufbruch gekribbelt. Es ist einfach wunderschön, so in den Tag hineinzufahren, wenn um einen herum noch alles ruht.

Mein heutiges Ziel ist Þórshöfn, weiter die Ostküste hinunter. Hier im absoluten Nordosten der Insel – einer Region, die selbst für isländische Verhältnisse als extrem dünn besiedelt gilt – sind die Ansiedlungen winzig und verstreuter als im Rest des Landes. Oft trotzen nur einzelne Höfe in der flachen Landschaft den Elementen. Die gewaltigen Eismassen der letzten Eiszeiten haben die einst schroffen Vulkanberge zu flachen, sanft abgerundeten Kuppen geschliffen. Man spürt bei jedem Atemzug, dass der Polarkreis und die Arktis zum Greifen nah sind, denn der kalte, stetige Wind des Nordpolarmeers erinnert mich ununterbrochen daran.

Zunächst wartete aber ein ganz besonderer Aussichtspunkt auf mich: Rauðanes Point, ein wahres Wanderparadies und ein geologisches Meisterwerk! Vor Jahrtausenden floss hier ein mächtiger Lavastrom. Durch das langsame Abkühlen im Inneren entstanden markante, geometrische Basaltsäulen, die das Meer im Laufe der Zeit freigelegt hat. Unermüdlich bricht der Ozean den Stein auf und formt bizarre Felsformationen, Brandungstore und Felsnadeln.Ich genoss es total, die Erste zu sein, die diesen Küstenpfad entlangwandert. Und ich wurde direkt von einer Vielzahl zutraulicher Puffins begrüßt – hach, immer wieder gerne, diese süßen Kerlchen und Kerlinchen! Dass ich dort fast völlig alleine unterwegs war, fühlte sich an wie ein Privileg. Der Wind war zwar stürmisch, aber bei diesem Ausblick war das vollkommen egal. Bald war ich so vertieft in die bezaubernden Ausblicke, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie mich zwei Mädels überholt haben. Es ist so schön, diese viele Zeit zu haben, sich treiben zu lassen und den Augenblick auszukosten.

Völlig die Zeit vergessen – und mich dazu! Da knurrt doch plötzlich wer in meinem Inneren. Der Schweinehund? Nein, der Magen! Wieder einmal noch nix gehabt und das um 11:30 Uhr. Tztztzzz... dann nix wie zurück zum Floh und erst mal ordentlich vespern. Auf dem Weg kamen mir noch mal vier Leute entgegen, mehr war da nicht los. Die Ostfjorde sind wirklich noch ein Platz ursprünglichen Islands, das tut so gut! Es gibt sie also noch, die Orte, an denen nur wenige Touristen unterwegs sind. Abgelegene Fischerdörfer, denen man die Ursprünglichkeit anmerkt.

So ein schöner Ort ist auch Þórshöfn. Der Ort ist mit seinen rund 380 Einwohnern die größte Siedlung und das Verwaltungszentrum der Gemeinde Langanesbyggð (die insgesamt gerade mal um die 600 Einwohner zählt). Ich schlendere ein wenig durch den Ort und besuche den kleinen Laden. Da es Mittagszeit ist, überlege ich, ob es nicht zu früh für den heißen Pot und das Schwimmbad ist. Hmmm, ich nutze einfach noch das angegliederte Studio. Alla hopp! Der junge Mann am Empfang gab mir sogar den Rabatt für Senioren und so kam ich für kleines Geld zu großem Vergnügen. Bissel was für Bauch und Rücken getan und dann im Schwimmbad geplanscht. Im heißen Pott bei 40 Grad wäre ich fast eingeschlafen, deshalb bin ich für 60 Sekunden in den 3 Grad kalten Wasserbottich gehüpft. Das hat mich wieder runtergebracht, das kann ich euch sagen! Beim zweiten Durchgang konnte ich es schon ganze zwei Minuten aushalten.

Der Nachmittag verflog und als ich hinaus aufs Langanes-Kap am Ende der Welt fuhr, war es schon früher Abend. Diese Halbinsel streckt sich wie ein langer, schmaler Finger weit nach Nordosten in den Atlantik. Langanes besitzt eine ganz eigene, fast melancholische Magie. Anfang des 20. Jahrhunderts war hier dank des Heringsbooms noch richtig geschäftiges Leben. Doch extremes Wetter, die Isolation und der Strukturwandel führten dazu, dass ein Dorf nach dem anderen aufgegeben wurde. Heute zeugen nur noch verlassene Ruinen, verfallene Piers und einsame Geisterhöfe – wie das einst florierende Fischerdorf Skálar – von diesem harten Leben.

Die Piste dorthin war der absolute Hammer, aber es hat sich so gelohnt! Mein Ziel: das Kliff Skoruvíkurbjarg. Ein echtes Highlight war der Besuch am Járnkarlinn, dem „Eisernen Mann“. Diese spektakuläre Aussichtsplattform ragt rund 10 Meter über die steilen Klippen hinaus – ein kleiner, fantastischer Adrenalinkick inklusive! Von dort aus hat man einen atemberaubenden Blick auf den freistehenden Felsen Stóri Karl, der die Heimat einer der größten Basstölpel-Kolonien Islands ist. Die Kolonie mit ihren Jungen verzückte mich total. Tausende Vögel kreisen über der tosenden Brandung – ich wollte gar nimmer aufhören, Tölpelkino zu schauen!

Irgendwann musste ich dann doch einen Nachtplatz suchen. Direkt am Kliff mit freiem Blick nach Norden in Richtung Arktis war schnell einer gefunden. Dass ich in dieser absoluten Stille schlafen darf, ist einfach unbeschreiblich. Island, du hast mein Herz fest im Griff! Hach, noch schnell futtern und dann ab in den Schlafsack, Augenbinde drauf, damit es zum Schlafen schön dunkel bleibt.

Mitten in der Nacht wach ich auf und da……… ohhhhh, die Mitternachtssonne! Handy raus und schnell ein Foto geschossen. Schnell noch eines mit der Kamera hinterher – Mist, der Akku ist leer! Und schwupps, war die Sonne auch schon wieder in die Wolken gefallen. Also: Weiterschlafen.

Dass ich dort fast völlig alleine unterwegs war und obendrein von einer Vielzahl zutraulicher Puffins (Papageitaucher) begrüßt wurde, fühlte sich an wie ein Privileg. Der Wind war zwar stürmisch, aber bei diesem Ausblick war das vollkommen egal – ein absolutes Fest für die Augen und die Seele!


03.07.2026 – Strandgut, Knochen und Traum-Pässe

Es ist über Nacht windiger geworden und bewölkt auch noch. Na ja, ich fahre ja sowieso erstmal, also geht es nach dem Kaffee los. Alles ordentlich verstaut und mich tagfein gemacht. Ich bin schon einige Zeit auf der Schotterpiste zurück nach Þórshöfn unterwegs, da sehe ich plötzlich Islandpferde mit ihren Fohlen – und zwar viele! Anhalten war natürlich Pflicht: fotografieren und streicheln. Es hat ihnen wohl gefallen, denn sie kamen zahlreich herangelaufen.

Etwas weiter des Weges entdeckte ich einen Strand mit unzähligem Treibgut. Perfekt, um ein paar Fotos zu schießen oder etwas Treibholz zu sammeln. Kein Riesengammel, aber so klitzekleine Stücke täten mir schon gefallen. Die können ja im Gepäck einfach den Platz einnehmen, der durch den Verzehr von Nahrungsmitteln frei wird, lacht. Ihr merkt, ich bin eine echte Strandgutsammlerin und stehe dazu 😊.

Tja, und erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt! Ich schlendere so vor mich hin und denke auf einmal: Upps, ein Autoreifen? Und das Andere… das müssten doch Knochen von einem Wal sein! Ich gehe näher ran und tatsächlich: ein Walskelett, zumindest Teile davon. Unweit davon direkt ein weiteres. Da gruselt es einen schon ein bissel – so weit weg von der Zivilisation und überall lauter Knochen. Die noch dazu, so scheint es, von den Seeschwalben streng bewacht werden. Hmmm... Mach mich etwas ernüchtert auf den Weiterweg.

In Þórshöfn schlage ich die Schotterpiste 85 in Richtung Bakkafjörður ein. Am dortigen alten Hafen befindet sich ein nettes Café. Nach ein paar Fotos habe ich mir erst mal schön einen Kaffee gegönnt. Danach entschließe ich mich, die Wanderung zum Leuchtturm anzutreten, dem östlichsten Islands. War ganz nett, eine Schotterpiste mal nicht mit dem Floh oder Willy, sondern zu Fuß zu bezwingen 😉. Der Ort, an dem der Leuchtturm windig auf einer Klippe thront, war allerdings sehr ansprechend. Die Schafe waren freundlich und die winzigen Blumen allerliebst anzusehen. Der Fußweg hat sich absolut gelohnt, und zudem konnte ich schön mit der Drohne fliegen. Während des Rückwegs habe ich ein wenig von der abgeworfenen Wolle der Schafe eingesammelt – Himmel, ist die weich! Da eine Locke und dort noch ein bissel von dem Braunen, sammeln halt 😊.

Bakkafjörður hinter mir gelassen, steuern wir Vopnafjörður an. Ebenfalls ein schöner kleiner Ort an der Küste. Viel gibt es auch da nicht, aber einen tollen schwarzen Strand, der sogar als Badestrand deklariert ist. Wär es doch nur nicht so frisch – ich täts wagen! Stattdessen sah ich die ersten jungen Austernfischer. Hach, so süß, diese kleinen Knäuel!

Ein Wasserfall (Gljúfursárfoss) darf es heute auch noch sein, vor allem, weil es gerade windstill genug für die Drohne ist. In mächtigen Kaskaden rauscht das Wasser zu Tale bis ins Meer. Bei einem anschließenden Spaziergang gab es doch tatsächlich noch eine nette Begegnung: Ein Paar aus Polen (Posen), die für drei Wochen durch Island reisen. Ein kurzes, schönes Gespräch entstand und herzliche Wünsche für die Weiterreise wurden ausgetauscht.


darf es  

Samstag, 04.07.2026 – Alltagssorgen, Puffin-Kino und stürmische Genüsse

Es hat die ganze Nacht gestürmt und geregnet – das ist halt Island, man weiß nie so recht, was als Nächstes kommt. Das Wetter lud mich also förmlich dazu ein, heute etwas zu tun, das sich ein klein wenig nach Alltag anfühlt.

Der 5-Liter-Irrtum in Egilsstaðir
Mein Weg führte mich zuerst nach Egilsstaðir. Auf dem Zettel stand: Einkaufen und vor allem die Scheibenwischmaschinenreinigungsflüssigkeit auffüllen, denn die war komplett alle. Im Fachgeschäft und auch an der Tankstelle die Überraschung: Es gibt echt nur 5-Liter-Kanister zu kaufen! Das ist doch für meinen kleinen Floh viel zu viel, so viel passt da nie und nimmer rein.
Der junge Verkäufer versicherte mir hoch und heilig, er habe einen Polo und da ginge auch der ganze Kanister rein. Na ja, in den Polo vielleicht schon, aber in den Wischwassertank? Ich zweifle ja gewaltig. Am Ende kaufte ich die 5 Liter und fahre nun die restlichen 2,5 Liter spazieren. Na gut, was soll's – ich frage mich im Stillen immer noch schmunzelnd, wo er das Zeug in seinem Polo versenkt hat.

Wellness auf Isländisch
Nach getaner "Arbeit" ging es ab ins Studio, ein bisschen was für den Rücken tun. Danach direkt ins Schwimmbad und im herrlich warmen hot pot entspannen. Hach, das war wieder klasse! Gekrönt wurde das Ganze noch von einem Saunadurchgang.
Die Isländer sind in dieser Hinsicht wirklich vorbildlich: Im Schwimmbad gibt es gratis Kaffee, einen riesigen Bottich mit Schwimm- und Spielzeug für die Kinder und sogar Schwimmbrillen kann man sich kostenlos borgen. Einfach tiefenentspannend.

Die Bruchpiloten von Hafnarhólmi
Am Nachmittag zog es mich weiter nach Bakkagerði. Am dortigen Hafenbecken, auf dem berühmten Felsen Hafnarhólmi, tummeln sich derzeit zahllose Papageientaucher. Und mit ihnen ebenso viele Menschen, die den putzigen Genossen dabei zusehen wollen, wie sie von der Futtersuche auf dem Meer zurückkehren. Möglichst zielgenau vor der eigenen Höhle zu landen, gestaltet sich für die Puffins allerdings schwierig. Sie sind einfach nicht die allerbesten Flieger – oder zumindest nicht die elegantesten Lander. Dazu stehen sie unter strenger Beobachtung der listigen Möwen, die den kleinen Kerlen nur zu gerne die mühsam gefangenen Fische abluchsen möchten. Darum gilt: schnell sein! Flux verschwinden sie mit ihrer Beute in der Höhle, wo sicher schon ein hungriges Schnäbelein wartet. Erst im August werden die Kleinen flügge und dann entschwindet die ganze Familie hinaus aufs offene Meer.
Wenn man erst einmal anfängt, sie zu beobachten, vergisst man völlig die Zeit. Schwupps, ist der Tag um. Nach einer kleinen Abendwanderung ließ ich den Tag mit Blick auf die majestätischen Berge und die blühenden Lupinen ausklingen. Zur Feier des Tages gab es Lammrippchen und Salat. Meine kleine Pfanne fasst exakt zwei Ripplein, die ich zusammen mit Knoblauch und Zwiebeln gebraten habe. Welch ein herrliches Mahl! Satt und zufrieden bin ich eingeschlafen. Vom Sturm wurde ich allerdings noch etliche Male geweckt – das schaukelte und pfiff durch alle Ritzen des Flohs.


Sonntag, 05.07.2026 – Das Traumtal von Brúnavík, Nostalgie und bunte Tupfen

Heute steht eine ganz besondere Wanderung auf meiner To-Do-Liste. Ich kenne den Weg nach Brúnavík schon von früheren Reisen und er gefällt mir so gut, dass ich ihn unbedingt noch einmal gehen wollte. Weil es in der Nacht so heftig gestürmt hatte, war ich morgens nicht ganz so früh auf den Beinen. Zudem war es richtig kalt – ich brauchte diese Nacht tatsächlich beide Schlafsäcke übereinander. Aber dann war es herrlich mollig warm.


Nochmals Puffins und das noch vor den ersten Fotografen
Bevor es losging, ließ ich es mir natürlich nicht nehmen, zuerst noch einmal nach den Puffins zu schauen – die Wanderung startet sowieso ganz in der Nähe. Manometer, waren die heute fleißig! Sie schleppten die Fische schnabelweise heran, und nicht nur einen, nein, den ganzen Schnabel rappelvoll.

Am Felsen war noch kaum ein Mensch unterwegs, sodass ich die Vögel in aller Seelenruhe beobachten konnte. Zwischendurch ertappte ich mich dabei, wie ich mit einem Lächeln die eintreffenden Fotografen beobachtete. Meine Herren, da wird draufgehalten und im Dauerfeuer abgedrückt! Klar, aussortieren kann man später digital. Da musste ich unwillkürlich an früher denken, als man noch mit Rollfilm unterwegs war und sich ganz genau überlegen musste, in welchem Moment man den Auslöser drückt.

Nachdem der erste Hunger auf Puffin-Kino gestillt war, sollte die Wanderung starten. Ach halt, nein – lieber erst noch ein Müsli essen, sonst muss ich auf dem Berg so viel im Rucksack tragen.


Begegnungen im Wind
Mit halbwegs gefülltem Bauch ging es schließlich bergauf. Kaum oben angekommen, pfiff mir der Wind schon wieder heftig um die Ohren. Na ja, das kennen wir ja schon. Ein schmaler Pfad windet sich steil den grünen Hang hinauf, an dem man noch deutlich die Spuren des letzten Winterschnees sehen kann. Hach, herrlich, ich liebe dieses Wandern einfach!

Der Ausblick, der sich mir bot, als ich über die Kuppe kam, war schlicht fantastisch. Das die Gegend toll ist, finden übrigens auch die hiesigen Schafe, die hier seelenruhig kauend die Aussicht genießen. Einige von ihnen haben schon ihr halbes Winterfell abgeworfen, überall auf dem Weg findet man die Wollbündchen.

Der Weg führt über den Pass Brúnavíkurskarð hinab in eine einsame Bucht, die nur zu Fuß erreichbar ist. Ein absoluter Kraftort! Plötzlich kamen mir zwei Wanderer entgegen. Wir grüßten uns und kamen sofort ins Gespräch. Es waren zwei Kanadier und ihnen fiel sofort auf, dass ich kleine Rucksacktaschen derselben Firma habe, von der sie ihre Rucksäcke bezogen haben. So wurde direkt ein bisschen gefachsimpelt und erzählt. Die beiden sind vier Tage hier in der Gegend zu Fuß unterwegs und absolut begeistert – was ich voll und ganz nachempfinden kann.

Einsamkeit teilen

Schon beim Weiterwandern erblickte ich tief im Tal eine Gruppe bunter Tupfen. Wie sich herausstellte, war es eine Reisegruppe aus Deutschland, die hier einen unvergesslichen Island-Aufenthalt genießt. Mit ihnen verbrachte ich meine Mittagspause unten an der Küste am tollen Kiesstrand.

Eigentlich möchte man an so einem magischen Ort ja am liebsten ganz alleine sein, also muss man sich die Einsamkeit manchmal einfach dazudenken. Aber die paar wenigen Menschen, die hierher wandern, sind absolut kein Vergleich zu den Touristenmassen, die andere Ecken Islands überfluten. Da im Moment auch die Isländer selber Ferien haben, wird es überall spürbar voller – selbst der kleine Campingplatz im Ort ist rammelvoll. Wir verabschiedeten uns schließlich fröhlich und wünschten uns gegenseitig eine gute Weiterreise.

Der Rückweg, der als Fast-Rundweg das Flusstal hinaufreicht, war landschaftlich unglaublich reizvoll. Bunte Schutthänge in den verschiedensten Nuancen zierten die Landschaft, und der Blick zurück in das Tal, aus dem ich gekommen war, war einfach spektakulär und kurzweilig – fast ein „Kerlingarfjell im Kleinen“!

Um 16 Uhr war ich wieder zurück an meinem Floh und fuhr in den Ort. Leider hatte der kleine Supermarkt schon geschlossen – heute Abend gibt es also leider keinen frischen Salat. Nun stehe ich mit dem Floh etwas außerhalb inmitten von blühenden Lupinen und friedlichen Schafen, blicke auf den Tag zurück und bin einfach nur rundum zufrieden und glücklich.

Montag, 6. Juli 2026 – Mentales Tief, wichtige Pläne und der magische Strútsfoss

Der Tag fing ehrlich gesagt gar nicht gut an. Ich hatte direkt nach dem Aufwachen doofe Gedanken im Kopf und war völlig unentschlossen, was ich bei diesem wolkenverhangenen „Nullsichtwetter“ überhaupt anfangen soll. Aber nein, wenn ich ganz ehrlich in mich hineinhöre, lag es heute gar nicht am Wetter, sondern ganz allein an mir selbst. Ein definitiv ernst zu nehmendes, mentales Tief breitet sich gerade in mir aus. Ich habe es erst einmal versucht beiseitezuschieben und mich mit einem erneuten Besuch bei den Puffins getröstet und motiviert.

Am Felsen war zum Glück noch überhaupt nichts los und ich konnte das tierische Kino fast ganz alleine für mich genießen. Ruckzuck waren wieder zwei Stunden wie im Flug vergangen. Die Sicht hatte sich zwar immer noch nicht aufgeklart, aber dafür meldete sich mein Frühstückshunger. Zurück im Ort parkte ich den Gletscherfloh mit der bestmöglichen Aussicht und bereitete mir mein Müsli zu.

Während ich so vor mich hinkaute und nachdachte, wurde mir mehr und mehr etwas klar: Ich muss mich für einige Tage zurückziehen. Raus hier aus der Gruppe und überhaupt erst mal weg von den ganzen touristischen Highlights. Es ist für mich absolut notwendig, einmal ganz zu mir zu kommen. Nur so kann ich intensiv genug in mich hineinsehen, in mich hineinfühlen und die nötige Ruhe finden. Es gilt, wichtige Entscheidungen für die nächsten Wochen zu treffen und meine Reiseplanungen zu verfeinern. In der Hauptsache geht es aber darum, mich selbst auf meine Fitness zu prüfen und meinen mentalen Stand genau unter die Lupe zu nehmen.

Die geplante Durchquerung des isländischen Hochlands zu Fuß reizt mich unglaublich sehr. Aber es bedeutet eben auch eine Zeit von circa 16 Tagen, an denen ich einfach komplett in der absoluten, rauen Wildnis des Hochlands verschwinde. Da kann ich nicht mal eben schnell zum schützenden Auto zurück, und es gibt auch keine nächste Ausfahrt, die man im Notfall nimmt. Nein, dort drüben bin ich ganz allein mit der Natur, mit mir selbst und auf mein eigenes Können angewiesen! Ich denke, ihr könnt alle verstehen, dass ich das im Vorfeld ganz gründlich mit mir selbst abklären und in Einklang bringen muss. Im Augenblick bin ich ja doch sehr verwöhnt: Eure tolle Gesellschaft und das komfortable Leben im Gletscherfloh bilden eine wunderschöne Komfortzone, die man gar nicht so gerne verlässt. Zudem ist meine gesundheitliche Lage aktuell nicht ganz so stabil, wie ich sie gerne hätte. Dieser schreckliche Husten weicht einfach nicht zu 100 %, und mein Trainingsstand ist ehrlicherweise auch nicht der allerbeste. In der Summe bedeutet das einfach, dass ich gerade nicht die allerbesten Voraussetzungen mitbringe. Das muss ich sacken lassen.

Um den Kopf frei zu bekommen, ging es erst einmal für einen kurzen Besuch ins Schwimmbad, danach ein bisschen einkaufen. Anschließend traf ich die Entscheidung, tief hinein in ein abgelegenes Tal zu fahren, um zu einem echten Geheimtipp zu wandern. Es wurde letztendlich eine wunderschöne Abendwanderung. Das Tal zeigte sich von seiner absoluten Pracht: Bestimmt 15 Kilometer weit zog sich das Flusstal hinein, bedeckt von unsagbar riesigen Flächen violett blühender Lupinen. Der Anblick war einfach traumhaft – und von diesem intensiven, süßlichen Duft ganz zu schweigen! Da musste ich einfach die Drohne steigen lassen, um ein paar dieser magischen Eindrücke aus der Luft festzuhalten. Dabei vergeht die Zeit natürlich wie im Flug.

Es war schon 18:30 Uhr, als ich den eigentlichen Ausgangspunkt für die Wanderung erreichte. Was für eine abenteuerliche Fahrt! Das Schöne: Der Weg ist eine absolute Sackgasse – die darf ich morgen dann wohl oder übel komplett wieder zurückfahren. Der Rucksack war schnell gepackt: Drohne, Kamera und ein großes Stück Schokolade für das mentale Tief kamen mit, und los ging’s.

Der Pfad stieg stetig an, vorbei an einem letzten, einsamen Bauernhof, auf dessen Koppeln wunderschöne Islandpferde grasten. Je weiter ich kam, desto schroffer und wilder wurde das Gelände, aber der Weg war wunderbar zu gehen. Und dann öffnete sich plötzlich der Blick auf den monumentalen Strútsfoss! Ich fühlte mich in diesem Moment wieder einmal unendlich reich beschenkt von diesem Land. Dieser Anblick, wie sich das Wasser aus gigantischer Höhe in zwei gewaltigen Stufen an den farbigen Basaltschichten vorbei in die Tiefe stürzt – einfach atemberaubend. Von den Wasserfällen auf Island kann man einfach nicht genug bekommen, jeder hat seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Charme. Manchmal hat man hier echt das Gefühl, dass jeder einzelne Bauernhof seinen ganz privaten Wasserfall besitzt.

Es wurde schließlich ziemlich spät, bis ich nach der Wanderung meinen heutigen Nachtplatz direkt an einem rauschenden Flussufer gefunden hatte. Die Tour zog sich dann doch über gute drei Stunden hin – von denen ich aber keine einzige Minute missen möchte. Die Bewegung und die Natur haben meiner Seele unheimlich gutgetan.

Dienstag, 7. Juli 2026 – Zu Gast im Snæfellsstofa und wichtige Weichenstellungen

Ich habe geschlafen wie ein Engel! Nach einem Becher heißem Kaffee ging es heute Morgen erst einmal wieder zurück in Richtung Zivilisation. Mein Ziel war das Snæfellsstofa Visitor Center in Skriðuklaustur – das moderne Informationszentrum für den östlichen Teil des riesigen Vatnajökull-Nationalparks. Ich hatte gehofft, mich dort ein bisschen in die Ecke setzen und in Ruhe schreiben zu können.

Was für ein unglücklicher Zufall und welch ein Segen, dass es mich genau hierhergezogen hat! Das Center öffnete gerade seine Pforten, als ich ankam. Das Wetter draußen ist heute leider mal wieder ziemlich bescheiden, sodass der Aufenthalt drinnen perfekt passte. Die Rangerinnen im Center waren super nett, total interessiert an meinem Vorhaben und fragten mich alles Mögliche Löcher in den Bauch. Daraus entwickelte sich eine wunderbare Kommunikation, die für mich und meine bevorstehenden Abenteuer im Hochland unglaublich hilfreich war.

Ich bekam fantastische Insider-Infos und wichtige Notfall-Kontaktnummern. Außerdem habe ich jetzt spezielle Kärtchen von den Rangern bekommen, auf denen ich detailliert vermerke, wie lange ich auf welcher Route zu Fuß auf Wanderschaft bin. Das Kärtchen wird dann gut sichtbar im Auto hinterlassen – so wissen die Ranger im Ernstfall genau Bescheid, wo ich stecke.

Wir haben uns dann gemeinsam intensiv die Strecke auf der berüchtigten F26 (der Sprengisandur-Route) hinauf zur Nýidalur-Hütte angesehen. Die Rangerin hat sogar direkt den Kollegen vor Ort im Hochland kontaktiert, um tagesaktuelle Informationen darüber zu bekommen, wie sich die dortigen Flussfurten momentan gestalten. Das Tolle ist: Ich kann mich ab jetzt von unterwegs dort auch jederzeit telefonisch melden, um Updates zu bekommen. Bezüglich meiner Idee, ein Nahrungsdepot im Hochland anzulegen, war die Rangerin absolut pragmatisch: Sie meinte, ich solle am besten selbst mit dem Auto so weit reinfahren wie möglich, oder alternativ im Hochland einfach andere Geländewagen anhalten und den Fahrern das Paket mit der Bitte um Abgabe an der Hütte mitgeben. Das Gute ist: Das Wetter soll sich in den nächsten Tagen bessern und die Strecken im Hochland werden wohl bald komplett freigegeben sein.

Also wirklich: Hut ab für die grandiose Beratung und die herzliche Hilfe, die man hier im Nationalpark-Center bekommt! Das Mädel versicherte mir sogar, dass sie aus solchen intensiven Gesprächen mit Individualwanderern selbst unheimlich viel lernt, weil dadurch Schwachstellen im System aufgedeckt werden. So stellte sich zum Beispiel heraus, dass die hinterlegte Kontaktnummer zu dem Ranger in der Region, in der ich morgen wandern will, gar nicht mehr aktuell war. Gut, dass wir darüber gesprochen haben!

So, ihr Lieben, für mich ist es jetzt erst einmal Zeit für mein verspätetes Frühstücksmüsli, und dann mal sehen, was der Tag noch so bringt... Habt eine ganz wunderbare Zeit! Gerald wird ab und zu mal ein Lebenszeichen von mir in die Gruppe schreiben. Macht euch bitte absolut keine Sorgen um mich: Ich bin eine erfahrene, umsichtige und vorausschauende Wanderin. Es gilt mein bewährtes Motto: Nichts muss, alles kann!

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Unter der Mitternachtssonne: Spätes Wanderglück in Njarðvík

Manchmal sind die spontanen Entscheidungen einfach die besten. Eigentlich war es nach einem Schlendrian-Tag schon viel zu spät für eine große Tour, als ich mein Auto auf dem Parkplatz auf der Passhöhe Vatnsskarð abstellte. Doch der Himmel war so strahlend blau und die Sonne stand noch so herrlich hoch, dass ich einfach losmusste. Der Gletschersee Stórurð wartete auf mich!

Der Weg (Weg 10) startete direkt vom Pass und war zum Glück von Anfang an wunderbar markiert. Trotz der fortgeschrittenen Stunde wärmten mich die Sonnenstrahlen (etwas) und die isländische Landschaft lag in einem ganz besonderen, weichen Licht vor mir. Allerdings hielt der Weg auch eine kleine Herausforderung bereit: Mehr als einmal stapfte ich durch tiefe, sulzige Schneefelder, die hartnäckig den letzten Winter verteidigten. Jeder Schritt im nassen Schnee kostete zwar Kraft, aber das Knirschen unter den Sohlen und der Kontrast zum Sommerhimmel machten es zu einem absoluten Abenteuer – Erinnerungen an den PCT und die High Sierra kamen auf.

Als ich mich schließlich auf den Rückweg machte (weg 9), tauchte die tiefstehende Sonne die Gipfel in ein warmes, goldenes Licht. Die Zeit verging wie im Flug. Erst um 22 Uhr kam ich nach fast 17 km wieder glücklich, ein bisschen geschafft, aber mit einem breiten Lächeln im Gesicht an meinem Auto an. Island im Sommer ist einfach unbeschreiblich – danke für diesen unvergesslichen Abend!



Gewalttour am 08.07.2026 und ein neuer Plan am 09.07.2026

Eine Tasse Kaffee und 18 Stunden Sonne

Da sitze ich nun heute morgen mit einer dampfenden Tasse Kaffee im Camper, während die Sonne so richtig reinknallt. Dieses Land ist einfach verrückt: Letzte Nacht bin ich um Punkt 1 Uhr senkrecht im Bett gestanden, weil ich ohne Brille und mit dem ersten Blick aufs Handy dachte, es sei hellster Morgen. Der Himmel war komplett wolkenlos und uns wurden für heute gnadenlose 18 Stunden Dauer-Sonnenschein vorausgesagt. Nach den letzten Tagen bei eisigen 5 °C, in denen einfach überhaupt nichts mehr trocknen wollte, ist das ein absoluter Traum. Aber um diesen herrlichen Morgen zu verstehen, müssen wir erst auf das gestrige Mammut-Abenteuer zurückblicken.

08.07.206 Die Oase Breidalsvík und ein Wetterphänomen

Nach einer ziemlich bescheidenen Nacht – mein Körper war gedanklich wohl noch im Dauerlauf-Modus und schaltete einfach nicht ab – ging es gestern Morgen los. Fast 12 Stunden sollte ich insgesamt auf den Beinen sein. Die erste Etappe lief fantastisch, und gegen halb zwölf erreichte ich die wunderschöne Breidalsvík-Hütte für eine kurze, wohlverdiente Mittagspause. Der Weg dorthin war eigentlich klasse markiert, auch wenn die Pflöcke teilweise nur 20 Zentimeter hoch und im Gelände kaum auszumachen waren. Zum Glück hingen da noch die bunten Fähnchen vom Marathon-Lauf am vergangenen Wochenende, an denen man sich wesentlich besser orientieren konnte.

An der Hütte traf ich die super lieben Hosts, mit denen ich mich ein bisschen unterhielt. Ich habe ihnen am Himmel sogar einen faszinierenden Sonnenkreis, ein echtes Halo-Phänomen, gezeigt. Sie waren völlig aus dem Häuschen und haben sich riesig bedankt. Mit bloßem Auge war der Blick in die Sonne natürlich schmerzhaft, aber die Kamera hat es perfekt eingefangen.

Abseits aller Pfade durch Schlamm und Schnee

Nach der Pause verließ ich dann aber die Komfortzone endgültig. Laut meiner App-Planung sollte hier ein Pfad mit etwa 12 Kilometer Länge beginnen, bei dem die meisten Höhenmetern der Tour anstanden. Die Realität im isländischen Hochland sah dann allerdings völlig anders aus, denn von einem Pfad war weit und breit nichts zu sehen. Es folgte ein knallharter Marsch, wie man ihn sonst nur aus den weglosen Weiten Norwegens kennt. Steil bergauf ging es über ausgedehnte Schneefelder, durch die ich mich mühsam durchstapfen musste. Kaum war der Schnee weggeschmolzen, stand ich im Sumpf. Einmal unaufmerksam, und schon versinkt man bis zu den Knien im pampigen Torf-Untergrund, wo sich sonst nur das Wollgras wohlfühlt.

Meine Wanderschuhe haben jetzt jedenfalls einen dauerhaften, tiefbraunen Island-Touch bekommen. Gegen halb vier Nachmittags dachte ich kurz, dieses Gelände nimmt überhaupt kein Ende mehr. Ich musste permanent auf mein Navi starren, um nicht im tiefsten Schlamm zu versinken oder plötzlich vor einer steilen Abbruchkante zu stehen. Zu allem Überfluss bin ich auch noch zweimal mit dem linken Fuß umgeknickt, sodass meine Sprunggelenke jetzt erst mal eine Pause brauchen.

Der Fund des Tages und ein blinder Passagier für Willi

Erschöpft, aber fest entschlossen, schleppte ich mich irgendwann in die Nähe der Schotterstraße, die hinten zur Bucht führt und an der auch mein treuer Camper Willi parkte. Ich hatte vorher schon Rentierspuren im Schlamm entdeckt und insgeheim gehofft, vielleicht welche zu sehen. Statt eines lebendigen Tiers lag da aber plötzlich etwas anderes direkt vor mir im Gras. Ich musste mir zweimal die Augen reiben, denn dort lag eine riesige, wunderschöne Hälfte eines Rentiergeweihs. Der Jäger-und-Sammler-Instinkt siegte sofort, und ich beschloss, das Prachtstück auf jeden Fall mitzunehmen. Ich schnallte mir das Trumm hinten auf den Rucksack, während meine Drohne Muck hinter mir herflog und ein paar absolut skurrile Selfies geschossen hat, wie ich mit diesem riesigen Geweih auf dem Buckel die Straße entlangmarschiere.

Nach echter PCT-Manier hatte ich nun zum ohnehin schon schweren Gepäck für die geplanten sechs Tage noch ein ordentliches Zusatzgewicht geladen, was verdammt auf die Schultern ging, bis ich endlich zurück am Auto war. Denn während ich so vor mich hinstolperte, reifte die Erkenntnis und der Entschluß: Die Island-Durchquerung ist für mich machbar und ich möchte sie machen!

An der Straße hielt ich noch ein Auto der Wetterstation an, um mich zu erkundigen, ob ich das Geweih überhaupt behalten und nach Deutschland ausführen darf. Die Ranger meinten gut gelaunt, dass das überhaupt kein Problem sei, solange ich es irgendwie in den Flieger kriege. Eine kurze Recherche hat es mittlerweile bestätigt: Der Zoll erlaubt es tatsächlich.

Ausblick auf das nächste Hochland-Abenteuer

Am Ende des gestrigen Tages standen stolze 30 Kilometer, knapp 1300 Höhenmeter und eine weglose Schlammschlacht auf dem Zähler. An meiner Energie und Bissigkeit zweifle ich nach dieser Aktion definitiv nicht mehr. Gestern Abend habe ich im Camper erst mal alles sortiert und Platz geschaffen. Jetzt stellt sich nur die Frage, wie ich das Geweih transportiere. Entweder hefte ich es Willi vorne an die Front oder ich verzurre es mit meinen zwei Spanngurten oben auf dem Dach. Dafür muss ich demnächst mal an einer Bank oder Mauer halten, damit ich überhaupt hochkomme. Mein Körper verlangt heute nach den gestrigen Strapazen erst mal nach einer Pause, weshalb ich es ruhig angehen lasse. 

Danach geht es heute am den Mývatn-See vorbei zum Einstieg in die Hochlandstrasse F 26. Der Plan steht fest: Ich will versuchen, zur Nýidalur-Hütte zu kommen, um dort mein Essen zu deponieren und dann die große Durchquerung anzugehen. Wenn mir mein Körper oder der Kopf keinen Strich durch die Rechnung machen, wird das absolut legendär.