In den Westfjorden und auf Hornstrandir
04.08.2026 – Robbenbeobachtung, Minni-Bakki und Vorfreude auf Hornstrandir
Über die Begegnung mit dem Paar am Vortag hatte ich mich riesig gefreut – 47 und 45 Jahre alt, „jung" ist eben relativ. Sie hatte sich gewünscht, ihren 45. Geburtstag im Hochland zu feiern, und die beiden wollten das nun mit einer geführten Super-Jeep-Tour nach Landmannalaugar nachholen. Ich hatte ihnen versprochen, dass sie in meinem Bericht und auf der Webseite auftauchen würden – so viel Trail Magic muss schließlich kundgetan werden.
Den Tag startete ich mit einem langen Spaziergang am Strand. Dort begrüßten mich nicht nur die zahlreichen Schafe, nein, ich fand auch direkt die Spuren eines Polarfuchses im Sand. Der musste wohl am frühen Morgen auch schon auf Futtersuche gegangen sein. Mehr als die Spuren gab es allerdings nicht von ihm oder ihr zu sehen. Die Spuren waren auch der Grund, warum ich für eine weitere Nacht hierhergekommen bin.
Den Vormittag habe ich im Schwimmbad mit Sauna verbracht – einfach herrlich! – und dann lecker im Ort zu Mittag gegessen. Zurück am Minni-Bakki-Strand gab es ein Mittagsschläfchen, damit ich am Abend auf Fuchsjagd gehen konnte. Es war 17:30 Uhr, und ich wollte noch das Auto ein bisschen aufräumen, Abendessen richten, Tee kochen und dann auf eine Abendwanderung gehen.
Am Morgen, als es auch schon windstill war, konnte die Drohne problemlos fliegen, und es machte einfach total Spaß, damit schöne Ausblicke einzufangen. Die Abendwanderung war noch richtig schön, aber gegen 22:00 Uhr fing es an zu regnen, und in der Nacht kam dann auch der Wind. Es wurde eine unruhige Nacht, aber es war in Ordnung. Für die kommenden Tage war noch mehr Sturm angesagt, und ich verschob wieder einmal meinen Plan um ein paar Tage nach hinten.
Geplant und auf meiner Wunschliste für Island stand ganz oben: mehrere Tage wandern in Hornstrandir. Ein großes Naturreservat, die letzte Wildnis Islands, da, wo noch die Polarfüchse eine Heimat gefunden haben. Erreichbar ist das Reservat nur mit dem Boot, also würde ich einmal mehr die Tabletten gegen Seekrankheit hervorholen müssen. Voraussichtlich wollte ich dort 7 bis 8 Tage verbringen und hoffte natürlich, dass das Wetter mir wohlgesonnen sein würde. Eventueller Start: Sonntag, der 09.08. – und vielleicht würde ja auch die Sonnenfinsternis am 12.08. klappen, das wäre natürlich super. Dort drüben gibt es allerdings überhaupt kein Netz, sodass ich mich beizeiten noch einmal verabschieden musste. Hatte aber noch Zeit, jetzt galt es zunächst, den Sturm auszusitzen. Da ich die Schwimmbäder hier liebe, würde es mir nicht schwerfallen, die Tage zu überbrücken. Gerade saß ich in einem Restaurant mit sehr viel Charme und duftenden Croissants – hach, so lecker! Da konnte es draußen machen, was es wollte.
05.08.2026 – In den Westfjorden
Ich war seit dem Vortag in den Westfjorden angekommen und hatte eine schöne Nacht an einem Fluss unterwegs verbracht. Der Vormittag war von einer großen Überraschung geprägt: Bei bestem Wetter sah ich am Straßenrand zwei große Rucksäcke vor mir auftauchen. Die Menschen dahinter waren kaum auszumachen – das erinnerte mich an eine Begegnung vor Wochen an der Dreki-Hütte. Jaaaa, sie waren es, stellte ich beim Näherkommen fest: das junge Paar, das versuchte, Island von Ost nach West zu durchqueren. Ihre schweren Rucksäcke mit an die 30 Kilo waren unverkennbar. Ganz langsam fuhr ich an ihre Seite, und das Erstaunen in ihren Gesichtern brachte mich herzlich zum Lachen. Die Wiedersehensfreude war riesig, und ich bot an, weiter vorne am Aussichtspunkt einen Kaffee zu kochen. Eine herzliche Umarmung, ein schönes Gespräch über Erlebtes, und rasend schnell war eine halbe Stunde vergangen. Die beiden hatten noch ganz schön Weg vor sich bis zu ihrem Etappenziel am Abend, und so hieß es wieder Abschied nehmen. Es blieb die Aussicht auf ein Wiedersehen in Hornstrandir.
Für mich gab es am Abend Robbenbeobachtung. Hach, die hatten Spaß und tollten ausgelassen im Wasser herum! Das sah so witzig aus und erinnerte mich daran, wie wir als Kinder mit der Luftmatratze auf dem See waren: Jeder versuchte oben zu bleiben, und die anderen kippelten drumherum. So ähnlich sah das bei den Robben auch aus. Eine versuchte, auf einem Stein zu posieren und das Gleichgewicht auf dem etwas zu klein geratenen festen Untergrund zu bewahren. Plumps, landete sie wieder im Wasser – etwas eleganter als wir damals. Ich hätte ihnen die ganze Nacht zuschauen mögen, aber es wurde doch kalt nach einer Weile.
Einen Sonnenuntergang bekam ich an diesem Abend nicht mehr zu sehen, dafür aber einen Wechsel aus Wolken und blauem Himmel – und vor allem: Windstille. Keine Mücken, dazu der Blick aufs Meer – der Platz war einfach zu schön, um ihn für die Nacht wieder zu verlassen, auch auf die Gefahr hin, dass es dafür Ärger geben könnte.
Tags drauf gab es eine kleine Wanderung ein schönes Tal hinein, vorbei an kleinen Seen, wo die Wollgräser zurzeit in voller Pracht standen. Schafe, die genüsslich das Gras abweideten, und junge Vögel, die den Eltern hinterhereiferten und immer noch nach Futter bettelten. Valagil ist der Name des Wasserfalls am Ende des Tales – auf jeden Fall ein toller Fall! Es war windstill, und ich konnte schön mit der Drohne fliegen und Momente einfangen. Als ich schon auf dem Rückweg war, kamen dann doch etliche andere Wanderer den Pfad entlang.
Ein Paar sprach mich direkt an: „Bist du das mit dem knuffigen Fiat Panda da vorne?" „Jaaaaa, ich bin das! Sieht man mir das an?", hätte ich am liebsten geantwortet. Wir unterhielten uns eine Weile schön, und das war wieder so eine Begegnung, die einfach guttut, weil ich mich wohlgefühlt habe. Da werden die Schritte federleicht, und man läuft fröhlich und dankbar zum Floh zurück.
Weiterfahrt nach Ísafjörður, der größten Stadt in den Westfjorden und leider auch Anlaufstelle für Kreuzfahrtschiffe. So lag eines weithin sichtbar im Hafen, als ich die Küste entlang auf die Stadt zufuhr. Mir schauderte etwas bei dem Gedanken, die beschauliche Stadt voller Menschen zu erleben. Es entpuppte sich allerdings als recht ruhig in der Stadt. Vermutlich werden viele Ausflüge von dort aus angeboten, sodass nur die wenigsten die Zeit in der Stadt verbringen. Ich war bei der Post (Speicherkarten verschicken), ein bisschen einkaufen, und machte einen kleinen Stadtbummel. Ich hatte gehört, es gäbe im Húsið eine sehr leckere Fischsuppe, also ging ich dorthin und wollte mir was Gutes gönnen. Drinnen blickte ich in vier muntere Augenpaare und erkannte in ihnen sofort das Paar von der Wanderung am Morgen. Das war echte Freude, und ich fragte, ob ich mich zu ihnen setzen dürfe. „Sehr gerne!", kam die erhoffte Antwort. Silke und Jürgen aus Fürth hatten gerade ein bisschen auf meiner Webseite gestöbert, bevor ich zur Tür reinkam.
Sie erzählten ein wenig von ihrer Wanderung am Kungsleden in Schweden. Es ist einfach immer schön, wenn man so offenen Menschen begegnen darf. Jeder hat seine Geschichte, und wenn sich diese ein bisschen überschneiden, ist es noch schöner. Man könnte Stunden damit verbringen, einander zu erzählen und Erfahrungen auszutauschen. Der Tag hielt aber noch mehr bereit, und so hieß es wieder Abschied nehmen. Da wurden die beiden zu meinen Trail-Engeln mit Trail Magic: Sie luden mich einfach zu meiner Suppe ein, die mega lecker war! Das berührte mich aufrichtig, und so gab es zum Abschied eine herzliche Umarmung für jeden.
Es war später Nachmittag, als ich zum Aussichtspunkt Bolafjall über eine Schotterpiste hinaufgefahren bin. Oben erwartete mich wegen der Wolken zwar keine Aussicht, dafür aber ein riesiger kostenpflichtiger Parkplatz mit Aussichtsplattform. Ich parkte, schaute kurz über das Geländer ins Nichts, um dann wieder den Rückweg anzutreten. Auf der Fahrt – etwa auf halber Strecke – sah ich eine Schotterpiste ins nächste Tal hinunter zur Küste. Au ja, da fahre ich hin! Mal schauen, ob es da ein schönes Nachtplätzchen gibt. Es war keine Enttäuschung: ein kleiner Campingplatz mit Toiletten und toller Aussicht. Kein Mensch weit und breit. Auch an den wenigen Häusern tat sich nichts. Fast wie verlassen lag dieser beschauliche kleine Ort da – perfekt für mich und meinen Wunsch nach unberührter Natur.
Ein kleiner Strandspaziergang, und dann einfach liegen und aufs Meer schauen. Der Floh bietet mir da Windstille und Geborgenheit. Plötzlich ein Auto! Ich hörte etwas neben mir, schaute aus dem Fenster und blickte in das Gesicht der Fahrerin eines kleinen Nissan Micra mit Dachzelt. Wir schauten uns an, und sofort kam die Erinnerung zurück: das kleine Café auf Grímsey, die junge Fotografin aus Frankreich! Juhuuu, wir stiegen aus und freuten uns total über diesen Zufall. Nach zwei Monaten trafen wir uns hier an diesem einsamen Platz wieder. Wir saßen daraufhin erst einmal eine halbe Stunde in ihrem kleinen Micra und erzählten von unseren Erlebnissen. Sie kam gerade von drei Tagen Hornstrandir zurück und zeigte mir ihre Fotos von den süßen jungen Polarfüchsen. Ohhhhh, das war schön! Und sie meinte, ich müsse da unbedingt hin zum Wandern. Also würde ich das auch tun, was ich sowieso vorhatte – nur wollte ich erst den angekündigten Sturm abwarten. Vielleicht würde es dann am Sonntag mit dem Boot hinübergehen.
Da ging ein toller Tag mit wunderbaren Begegnungen zu Ende, und ich schlief wie ein Baby die ganze Nacht bis zum frühen nächsten Morgen.
06.08.2026 - Ein Tag ohne besondere Ereignisse
Später, als ich hier genug hatte von Duft und Kaffee, fuhr ich nach Ísafjörður und buchte meine Überfahrt nach Hornstrandir – aber nicht, ohne zuvor den Wetterbericht genau zu studieren. Gar zu schlechtes Wetter brauchte ich drüben auch nicht, wo man mit sich und den Gegebenheiten allein ist.
Für diese Woche war erneut an drei Tagen Sturm gemeldet, die Temperaturen sollten nur noch einstellig bleiben und nachts bis an die Nullgrenze fallen. Ob ich unter diesen Bedingungen überhaupt nach Hornstrandir aufbrechen sollte, stand für mich noch nicht fest – das Risiko bei Regen, Bewölkung und starkem Wind erschien mir zu groß, davon hatte ich in den letzten Tagen schon genug gehabt. Ich beschloss, mir Zeit zu lassen und stattdessen erst einmal andere Ziele anzusteuern – die Robbenbeobachtung tags zuvor war schließlich schon ein Höhepunkt gewesen. Spontan überlegte ich, von Ísafjörður aus noch eine Walbeobachtungstour zu machen; unterwegs könnte ich vielleicht die Drohne fliegen lassen. Es war ein kühles Jahr auf Island – auch die Einheimischen klagten über das Wetter, mitten in den Sommerferien.
07.08.2026 – Þingeyri
Der Sturm hat mich ordentlich die ganze Nacht durchgerüttelt, und der Regen hat seinen Teil zum Konzert der Nacht beigetragen. Entsprechend früh und gerädert war ich wach. Ich kochte einen Kaffee und hoffte, damit die Lebensgeister mobil zu bekommen. Heute musste etwas her, was richtig guttut bei diesem kalten 6-Grad-Wetter. Schwimmbad, ertönte die innere Stimme. Und ja, ich hatte schon geschaut: Es öffnet um 08:00 Uhr, und laut Bewertungen sollte es sehr schön dort sein. Ich wollte mich sowieso vor dem angekündigten Sturm auf dem Campingplatz direkt neben dem Schwimmbad für den Tag und die Nacht in Sicherheit bringen.
Die bevorstehende Sonnenfinsternis am 12. August sorgte in den Westfjorden inzwischen für einen regelrechten Hype: In Ísafjörður hatten am Vortag vier Kreuzfahrtschiffe im Hafen gelegen, gleich fünf Reisebusse fuhren nacheinander durch die Gegend, und an manchen der besten Aussichtspunkte hatte man sogar eigens Einbahnstraßen eingerichtet, um dem erwarteten Ansturm gewachsen zu sein. Ich hoffte sehr, dass es drüben auf Hornstrandir beim Wandern selbst nicht ganz so voll werden würde.
Als ich den Eintritt bezahlte, war noch nichts los im Bad. Ältere Menschen aus Þingeyri waren am Schwimmen. Ich mag das; es ist mir schon öfter aufgefallen, dass diese Schwimmbadbesuche ein Treffpunkt der Einheimischen sind. Es gibt kostenlosen Kaffee, und man sitzt zusammen im oder außerhalb des Wassers. Es wird erzählt und gelacht – und heute durfte ich Teil davon werden. Ich beantwortete geduldig die Fragen zu meiner Reise und Herkunft und erfuhr im Gegenzug, welcher der Herren das Schwimmbad entworfen hat. Wie das vor 60 Jahren hier so zum Leben war, wie Oma und Opa lebten, wie das erste Telefon installiert wurde und alle mithören konnten, sodass man achtgeben musste, was man erzählte, und wie oft gekurbelt werden musste, damit die Oma am Apparat war. Ganz schön spannend, so ein Schwimmbadbesuch. Dann gab es zum Kaffee auch noch ein Eis spendiert, weil Eis und Kaffee einfach ein Muss zusammen sind.
Mein Vormittag war wirklich sehr schön. Auf dem Campingplatz gab es reichlich Platz und einen schönen Aufenthaltsraum mit Küche. So nutzte ich die Gelegenheit und räumte einmal wieder meine Essenskiste auf – jetzt wusste ich auch wieder, was ich noch alles zum Futtern hatte. An diesem Tag gab es angebratene Kartoffeln mit Zwiebeln, Knoblauch, Ei und Käse. Das war ganz lecker, und ich war danach pappsatt. Der Sturm zeigte sich über den Tag harmloser, der Regen hörte auf, und es gab sogar ein paar Sonnenstrahlen. Zudem sah der Wetterbericht für die Tage in Hornstrandir gar nicht schlecht aus. Ich freute mich schon absolut arg auf die Wandertage dort.
Das Essen für sieben Tage war vorbereitet, und ich hoffte, dass alles Platz im Rucksack fand. Ich wollte mich etwas wärmer eindecken für die Tage – durchs Hochland hätte ich ein bisschen wärmere Nächte gebrauchen können, deshalb nahm ich diesmal den Quilt noch zusätzlich mit. Nachts zu frieren ist echt übel und kann einem ganz schön die Laune verderben. Ich saß gemütlich im Bauch des Gletscherflohs, schrieb und schaute hinaus aufs Wasser. Es war gerade Flut, und in der Bucht stand richtig viel Wasser.
Ein schöner Tag ging zu Ende, und ich war dankbar, das alles erleben zu dürfen.
08.08.2026 – Ísafjörður
Ganz gut geschlafen, war ich um 07:30 Uhr beim Frühstück in der Küche des Campingplatzes. Nicht alleine, denn ein paar junge Leute saßen da – darunter der "Ziehwagenmann", den ich dieser Tage überholt hatte und bei dem ich mir noch dachte: Och nee, muss ich nicht haben. Den Vormittag verbrachte ich in Ísafjörður, und weil es so ungemütlich war, setzte ich mich in ein Café. Dort gab es nette Gespräche und leckeren Kaffee.
Am Nachmittag folgte ein Schwimmbadbesuch zum Aufwärmen, und danach hatte ich endgültig die Nase voll von dem Wetter. So entschied ich mich für ein Bett im Hostel. Klar, unter 70 € gibt es das nicht, und so buchte ich in einem Vierbettzimmer etwas abgelegen in der Nähe von Flateyri, etwa 25 Kilometer von Ísafjörður entfernt. Es war echt kalt, 4 Grad, und in der Nacht sollte es noch weiter runtergehen. Ich war ganz happy, und als ich ankam noch viel mehr: so ein gemütliches Häuschen, und offenbar keine weiteren Gäste für das Mehrbettzimmer. Gute Chancen, dass ich das Zimmer für mich alleine hätte diese Nacht – da kann man über den Preis dann nicht meckern.
Vor allem aber tat es gut, einfach noch einmal in einem Bett zu schlafen, ehe es für eine Woche in die Wildnis geht. Am nächsten Tag sollte es soweit sein: Am Nachmittag würde mich ein Boot in zweistündiger Fahrt hinüber nach Hesteyri auf Hornstrandir bringen. Das Wetter würde, bis die Woche herum ist, wieder einmal alles an Varianten durchhaben. Die ersten drei Tage sollten aber trocken und sonnig bleiben, sagte der Wetterdienst. Es würden sicher spannende Tage werden, und ich hoffte auf ein paar spielende junge Polarfüchse. Und wenn am Mittwoch dann auch noch die Sonnenfinsternis zu sehen wäre, wäre das gleich noch einmal ein besonderes Ereignis.
Leider gibt es dort drüben so gar keinen Handyempfang, sodass ich für eine Woche offline sein würde. Ich gebe ehrlich zu: Bei diesem Wetter so ein bisschen ziellos in den Tag hinein, das macht alleine echt keinen Spaß. Ich war gerade etwas demotiviert – das ist halt besser, wenn man nur am Wandern ist und keine anderen Optionen zur Wahl hat. Da fällt es längst nicht so schwer wie mit einem Luxusfloh und genügend Zeit. Das macht schon ein bisschen träge und komfortlastig. Ich war froh, dass ich am nächsten Tag in Hornstrandir "ausgesetzt" werden würde.
Im Hafen von Ísafjörður lagen zwei Kreuzfahrtschiffe vor Anker, das machte das Städtchen lebhafter als sonst. Ich saß im Café und überlegte, was ich mit dem Regentag anfangen könnte. Stricken, Lesen, ein Hörbuch hören – wäre das erste auf der Reise gewesen. An diesem Morgen war ein Wanderer mit seiner Ziehkarre vom Campingplatz gestartet: 2,5 Monate, einmal komplett um Island herum. Bewundernswert, wenn ich an den Verkehr auf der Ringstraße denke. Ich hatte mir das auch mal überlegt und recherchiert, war aber zu dem Schluss gekommen, dass es mir zu gefährlich und zu wenig reizvoll erschien. Ich hatte ein Buch von einer Engländerin gelesen, die es gemacht hatte – spannend, und ich ziehe meinen Hut vor der Leistung.
Ganz nebenbei noch ein kurioses Erlebnis von der Fahrt hierher: An einem der einspurigen Tunnel, wo ich auf der wartepflichtigen Spur mit rotem Stopplicht stand, weil Gegenverkehr angekündigt war, überholte mich ein anderes Auto einfach und fuhr trotz Rotlicht in den Tunnel hinein – ausgerechnet in dem Moment, als ihm dort ein Krankenwagen mit Blaulicht entgegenkam. Der Fahrer musste sich bis an die Tunnelwand quetschen, damit der Rettungswagen vorbeikonnte. Was sich manche Leute wohl dabei denken, wenn das Signal so eindeutig auf Rot steht? Am Nachmittag bin ich oberhalb der Stadt an der Bergflanke entlanggelaufen, dort, wo die Lawinenschutzwände stehen – bei diesem herrlichen Wetter ein wirklich schöner Weg, und die paar Touristen dort störten kaum. Auf die Fischsuppe zum Mittag hatte ich mich da schon den ganzen Vormittag gefreut.