Andrea auf den Westmännerinseln
Woher der Name kommt: Die Vorgeschichte: Ein Mord im alten Island Laut dem Landnámabók (dem mittelalterlichen Buch der Landnahme Islands) ließen sich die beiden norwegischen Wikinger-Blutsbrüder Ingólfur Arnarson (der als erster dauerhafter Siedler Islands gilt) und Hjörleifur Hróðmarsson um das Jahr 874 an der Südküste Islands nieder. Hjörleifur hatte von seinen Raubzügen in Irland mehrere irische Sklaven mitgebracht. Aus Sicht der skandinavischen Nordmänner lag Irland im Westen, weshalb die Iren in den altnordischen Quellen oft als „Westmänner“ (Vestmenn) bezeichnet wurden. Der Aufstand und die Flucht Die irischen Sklaven ertrugen die harte Arbeit und die Behandlung durch Hjörleifur nicht lange. Sie schmiedeten einen Plan, töteten Hjörleifur und seine Männer, raubten die Boote aus und flohen mit den Frauen der Siedlung auf eine unbewohnte Inselgruppe, die kurz vor der Südküste im Meer lag. Die Rache und der Name Als Ingólfur Arnarson vom Tod seines Blutsbruders erfuhr, spürte er die Sklaven auf den Inseln auf. Er stellte sie zur Rede und tötete sie entweder aus Rache oder trieb sie in den Tod (einige stürzten sich aus Angst von den hohen Klippen). Da diese Inselgruppe der Ort war, an dem die flüchtigen „Westmänner“ (die irischen Sklaven) gefasst wurden, nannte Ingólfur sie fortan Vestmannaeyjar – die Westmännerinseln. Heute ist die größte und einzig dauerhaft bewohnte Insel des Archipels, Heimaey, vor allem für ihre beeindruckende Vulkanlandschaft (wie den Ausbruch des Eldfell 1973) und ihre riesigen Papageitaucher-Kolonien bekannt. Der geschichtsträchtige Name ist jedoch bis heute geblieben. |
10.06.2026 Überfahrt von Landeyjahöfn nach Vestmannaeyjar
Früh am Vormittag geht es mit der Fähre von Festlandhafen Landeyjahöfn nach Heimaey. Ich setze mich ganz strategisch in die Mitte der eher kleinen Autofähre und verhalte mich die 40 Minuten Überfahrt mucksmäuschenstill. Bloß nicht zu viel vom schwankenden Boden spüren! Mein Magen dankt es mir, die Überfahrt verläuft ohne Zwischenfälle.
Ankunft im "Island im Kleinen"
Dann bin ich endlich da – mit dem gut gefüllten, als gweichtigen Rucksack auf dem Rücken. Mein erster Weg führt mich direkt in die kleine „Hauptstadt“ der Insel, um dort erst einmal in Ruhe mein Zelt aufzubauen.
Danach hält mich nichts mehr: Es geht hinauf auf den Hausberg, dem Eldfjell (Feuerberg)! Die Aussicht von hier oben ist einfach phänomenal. Das Wetter spielt – bis auf den ordentlichen Sturm, der hier oben pfeift – absolut mit. Die Lupinen blühen überall in ihren kräftigen bunten Farben und die Landschaft ist schlicht atemberaubend. Die Westmännerinsel sieht aus wie „Island im Kleinen“.
Vertrautes Zuhause auf Zeit
Seit Ewigkeiten bin ich mal wieder mit diesem speziellen Zelt unterwegs. Das MSR ist ein doppelwandiges Zelt, bei dem man das Innen- und Außenzelt separat verwenden kann. Was sich auf Island wegen des unberechenbaren Wetters aber definitiv nicht empfiehlt! Da es freistehend ist, müssen nicht zwingend Heringe in den harten Boden gerammt werden. Ich habe mich genau deshalb dafür entschieden, weil es einfach extrem viel Windstabilität mitbringt – und die kann man hier heute wirklich gut gebrauchen.
Hach, tut das gut, jetzt endlich zu liegen! Mein Gesicht glüht richtiggehend von der intensiven Sonne und dem rauen, isländischen Wind. Morgen muss ich mich unbedingt dick eincremen, ein Glück habe ich die Sonnencreme eingepackt. Auch die Augen brennen ganz schön, morgen wandert die Sonnenbrille definitiv als Erstes auf die Nase.
Was diesen Tag aber neben der Natur so besonders gemacht hat, waren die vielen wunderschönen Begegnungen am Wegesrand. Erst schenkten mir ein paar Jungs von einer Baustelle einfach so eine eiskalte Dose Wasser mit Limettengeschmack. Später auf dem Vulkan hatte ich ein richtig nettes, langes Gespräch mit einem Pärchen aus Frankreich, während uns der Wind um die Ohren pfiff. Und als Krönung schenkte mir vorhin in der Campingküche eine Familie einfach ein Stück super leckeren Schokokuchen. Was für ein Seelenwärmer!
Frisch geduscht liege ich nun im schützenden Zelt, höre dem Wind zu und lasse diesen rundum tollen Tag noch einmal an meinem inneren Auge vorbeizeihen. Gegen das Gekreische der Seevögel habe ich mit Stöpsel für die Ohren geformt.
Gute Nacht da draußen – und schön, dass ihr mich auf dieser Reise begleitet!
Rückblick vom 11. Juni 2026: Von Sturmböen, Papageitauchern und den Engeln der Westmänner-Inseln
Huiiiii, jetzt aber.....! Ich bin ganz schön durch den Wind – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es stürmt auch heute wieder unaufhörlich, der Wind zerrt unablässig an der Kleidung und peitscht über das Land. Aber trotz der rauen Elemente hielt auch dieser Tag wieder unzählige magische Momente für mich bereit.
Nach einer recht kurzen Nacht hieß es früh raus aus den Federn und hinein in die erwachende Natur. Pünktlich zur aufsteigenden Sonne stand ich an der Küste. Mein Ziel waren die Klippen und die Puffins! Schritt für Schritt wanderte ich am Meer entlang, kam ihnen näher und näher. Die putzigen kleinen Kerle musterten mich aus ihren treuen Augen ganz genau, während die Austernfischer mein Kommen schon hunderte Meter im Voraus lautstark ankündigten – ein absolut treuer und zuverlässiger Alarmservice der Natur. Der Wind wurde immer heftiger, und so kam mir ein praktisches kleines Beobachtungshäuschen am Wegesrand gerade recht. Hier ließ ich mich gerne für eine Weile nieder, lauschte dem Pfeifen des Sturms vor der Tür und genoss ein wohlverdientes, windstilles Frühstückchen.
Frisch gestärkt ging es weiter, weit draußen auf dem äußersten Zipfel der Insel, um den einsamen Leuchtturm herum. Als ich dort stand, dachte ich nur: „Hmmmm, oh weh...“ Vor mir lag der Rückweg in die Stadt, kilometerweit an der offenen Straße entlang. Ich hatte absolut keine Lust darauf, zumal mich die Sturmböen mittlerweile fast von den Füßen zu holen drohten. Doch das Universum meinte es gut mit mir. Trailengel gibt es eben überall auf der Welt! Meiner kam in Gestalt eines kleinen roten Autos angefahren – und hielt prompt an. Am Steuer saß ein pensionierter Lehrer von den Westmänner-Inseln, der ein unerschöpfliches Wissen im Gepäck hatte. Während der Fahrt erfuhr ich von ihm, welches die jüngste Insel des Archipels ist, und er fuhr mich extra so heran, dass ich ein fantastisches Foto vom berühmten „Elephant Rock“ machen konnte. Als Draufgabe schenkte er mir eine kostenlose Stadtführung und erzählte mir ein faszinierendes Detail: Island prüft derzeit tatsächlich, ob ein 18 Kilometer langer Tunnel zwischen dem Festland und den Westmänner-Inseln realisierbar ist. Das würde hier einfach alles verändern!
In der City angekommen, war es Zeit für eine echte Pause und eine warme Stärkung. Frisch aufgetankt wartete auch schon das nächste Abenteuer: der Hausberg der Stadt. Es ging quasi die glatte Wand hinauf! Die erste Leiter, die im Fels verankert war, ließ sich noch gut bezwingen. Doch die weiteren Leitern hingen absolut senkrecht an der nackten Wand. Angesichts des Sturms, der hier oben nur so blies, siegte die Vernunft. Ich ging nicht bis ganz nach oben – die Sicherheit geht vor.
Und das Glück verließ mich auch auf dem Rückweg nicht. Am Parkplatz traf ich zwei nette Chinesinnen, die mich kurzerhand im Auto mit zurück zum Camp nehmen. Dort angekommen, kochte ich mir erst einmal einen heißen Tee. Doch beim Teetrinken blieb es nicht: Eine unglaublich herzliche palästinensische Familie bat mich zu sich an den Tisch und lud mich spontan zum Essen ein. Ablehnen wäre unhöflich gewesen – und was für eine Bereicherung war diese Begegnung! In mir wurden sofort wunderschöne Erinnerungen an meine einstige Reise nach Jordanien wach. Die Menschen sind einfach so unendlich freundlich. Für mich war das ein echtes, weiteres Highlight des Tages.
Mittlerweile hat sich der Wind draußen zu einem veritablen Sturm gemausert. Das Zelt bebt, aber ich habe mich eingekuschelt und – oh Wunder – tatsächlich erst einmal ein feines Stündle geschlafen. Mein Tag ist rundum gelungen, mein Herz ist voller schöner Begegnungen und ich sage einfach nur von ganzem Herzen: Danke!
Die drei großen Festivitäten auf den Westmännerinseln Die Westmännerinseln (Vestmannaeyjar) besitzen eine ausgeprägte Festkultur. Drei traditionelle Großveranstaltungen ziehen im Laufe des Jahres sowohl Einheimische als auch Besucher aus aller Welt an: Anfang August zieht gefühlt die halbe Nation in ein vulkanisches Amphitheater, um bei Þjóðhátíð das größte Volksfest des Landes zu feiern. Entstanden 1874, weil die Insulaner wegen Sturm die Feier auf dem Festland verpassten, ist es heute ein rot-weißes Zeltspektakel mit riesigem Lagerfeuer. Der emotionale Höhepunkt: Wenn das gesamte Tal im Schein roter Fackeln erglänzt und Tausende lauthals herzergreifende isländische Balladen schmettern. Es ist laut, oft nass und absolut magisch. Die Ursprünge liegen im Jahr 1874, als ein Sturm den Bewohnern die Fährüberfahrt zur 1000-Jahr-Feier der isländischen Besiedlung abschnitt und sie daraufhin kurzerhand ihr eigenes Fest im Herjólfsdalur gründeten. Am Festivalwochenende füllt sich das markante Tal mit hunderten weißen Zelten der Einheimischen. Zu den prägenden Höhepunkten gehören gigantische Lagerfeuer, ein großes Feuerwerk und das emotionale, traditionelle gemeinsame Singen im Fackelschein am Sonntagabend. Die Fußballturniere – Ausnahmezustand im Vulkankrater Im Sommer regiert der Kick: Bei den riesigen Jugendturnieren Pæjumótið und Tóftarmótið verwandeln sich die Inseln in ein wuselndes Fußballcamp. Tausende Kinder reisen vom Festland an, um zwischen erstarrter Lava zu kicken. Für die Locals bedeutet das den sportlichen Ausnahmezustand: Die Fähren platzen aus allen Nähten und Supermärkte werden leergekauft. Wer gewinnt, ist Nebensache – die anschließenden Diskos und der kollektive Zuckerschock durch isländische Süßigkeiten sind die wahren Trophäen. Pysjutíminn – Die große Papageientaucher-Rettung Das skurrilste „Fest“ ist eine herzerwärmende Rettungsmission Ende August. Die frisch geschlüpften Papageientaucher-Babys (Pysjur) verwechseln die Straßenlaternen mit dem Mondlicht auf dem Meer und bruchlanden im Dorf. Bewaffnet mit Pappkartons patrouillieren die Inselkinder nachts durch die Straßen, um die verirrten Flauschbälle einzusammeln. Am nächsten Morgen werden die Mini-Vögel an den Klippen unter großem Applaus und Gejubel sicher in den Atlantik geworfen – ein einzigartiges Volksfest der Tierliebe. Neben den drei großen Festen gibt es aber auch noch: Goslokahátíðin – Das Fest zum Ende des Vulkanausbruchs Das emotionale Fest wird jedes Jahr am ersten Juli-Wochenende gefeiert und erinnert an das offizielle Ende des verheerenden Ausbruchs des Vulkans Eldfell am 3. Juli 1973. Damals musste die gesamte Insel evakuiert werden, und viele Häuser versanken unter Aschemassen. Bei den Feierlichkeiten stehen der erfolgreiche Wiederaufbau der Gemeinde und die glückliche Rückkehr der Bewohner im Mittelpunkt. Das Festwochenende ist von Ausstellungen, Theaterstücken und Konzerten geprägt, während am Samstagabend in den alten Fischerhütten am Hafen gemeinsam gesungen und gefeiert wird. Am 6. Januar wird auf Heimaey das offizielle Ende der Weihnachtszeit mit einem großen, mystischen Spektakel gefeiert. Das Fest zieht die gesamte Bevölkerung an und beginnt bei Einbruch der Dunkelheit mit einem großen Fackelzug. Angeführt wird dieser Marsch von den dreizehn isländischen Weihnachtsmännern, Trollen, Elfen sowie den berüchtigten Sagengestalten Grýla und Leppalúði. Die Feierlichkeiten gipfeln auf dem örtlichen Sportplatz bei einem riesigen Lagerfeuer und einem spektakulären Feuerwerk, mit dem der Winter feierlich verabschiedet wird. Es gibt die Idee, einen rund 18 Kilometer langer Unterseetunnel zu bauen, der die Westmännerinseln (Heimaey) direkt mit dem isländischen Festland verbinden soll. Das Argument dafür: Die Fährverbindung mit der Herjólfur ist berüchtigt. Bei schlechtem Wetter oder starkem Seegang fällt sie regelmäßig aus oder muss auf einen weit entfernten Ersatzhafen ausweichen. Ein Tunnel würde die Inseln wetterunabhängig machen, den Tourismus extrem ankurbeln und das Leben der Einheimischen (z. B. für Arztbesuche auf dem Festland) komplett verändern. Die geologischen Hürden: Das Projekt ist extrem kompliziert. Die Westmännerinseln sind vulkanisch hochaktiv (viele erinnern sich noch an den verheerenden Vulkanausbruch von 1973). Einen Tunnel durch ein Gebiet zu graben, das geothermisch heiß ist und in dem sich unterirdische Magmakammern oder Erdbebenlinien befinden, ist ein enormes technologisches Wagnis. Weil die Idee so verlockend klingt, gibt es immer wieder Machbarkeitsstudien und politische Vorstöße im isländischen Parlament (Alþingi). Lokale Politiker und Bürgerinitiativen der Westmännerinseln fordern den Tunnel vehement und verweisen darauf, dass andere lange Tunnelprojekte in Island (wie in den Westfjorden) die Lebensqualität massiv verbessert haben. Allerdings gibt es bis heute keinen finalen Baubeschluss. Die enormen Kosten (es wäre eines der teuersten Infrastrukturprojekte in der Geschichte Islands) und die Sicherheitsbedenken wegen der vulkanischen Aktivität sorgen dafür, dass das Projekt in den staatlichen Verkehrsplanungen meist hinter anderen, dringenderen Straßenvorhaben zurückgestellt wird. |