Vorbereitungen auf die Hochland-Durchquerung von Island

Freitag, 10. Juli 2026: Abenteuer Hochland! Mit dem „Floh“ auf der legendären F26

Was für ein toller Start in den Tag! Nach einer wunderbar erholsamen Nacht am Mývatn habe ich mir erst einmal ein echtes Highlight gegönnt: ein langes Bad in den Mývatn-Naturbädern. Ich war pünktlich um 10 Uhr zur Öffnung da – die Anlage ist frisch saniert, absolut traumhaft und macht der Blauen Lagune im Süden echte Konkurrenz. Weil so früh noch kaum etwas los war, hatte ich das mineralische, herrlich warme Wasser fast für mich allein. Tiefenentspannung pur! Danach forderte zurecht der Magen meine Aufmerksamkeit: Ich hatte ja noch gar nicht gefrühstückt. Also gab es erst einmal die weltbesten Fish and Chips zur Stärkung.

Und dann hieß es: Abflug Richtung Hochland! Mein großes Ziel für heute war es, mein Lebensmitteldepot für die anstehende Island-Durchquerung an der Nýidalur-Hütte auf 800 Metern Höhe zu hinterlegen. Also ging es mit meinem treuen „Floh“ (meinem kleinen Panda-SUV-Minivan) ab auf die berühmt-berüchtigte F26, auch bekannt als Sprengisandur-Route. Die Piste ist erst seit Kurzem aus dem Winterschlaf erwacht. Andere Island-Fahrer berichten oft von tiefen, nervenaufreibenden Waschbrett-Pisten, aber da es hier seit Wochen recht feucht und wenig sommerlich ist, ist das Profil der Straße noch erstaunlich fest – dafür warten unzählige dicke Steine und raue Abschnitte. Man braucht Geduld: Für die rund 120 Kilometer teilt man sich die Piste mit der Einsamkeit und schleicht mit 30 bis 50 km/h vorwärts.

Zuerst ging es – noch recht flott - durch das idyllische Bárðardalur-Tal, an dessen Ende ein wunderschöner Fotospot wartet: der spektakuläre Aldeyjarfoss! Wie sich die weißen Wassermassen umrahmt von tiefschwarzen, perfekt symmetrischen Basaltsäulen in die Tiefe stürzen, ist einfach atemberaubend. Danach verändert sich die Kulisse komplett: Die Vegetation weicht einer endlosen, surrealen Wüste aus schwarzem Lavasand und Geröll, flankiert von den majestätischen Gletschern Hofsjökull und Tungnafellsjökull am Horizont. Was für eine beeindruckende Kulisse!

Jede der zahlreichen Flussquerungen habe ich mir ganz genau angeschaut – Sicherheit geht vor, schließlich ist der Floh kein Riesen-Monster-Truck. Bis auf 5 Kilometer bin ich an die Hütte herangekommen, doch vor der vorletzten Furt hieß es: Stopp. Der Fluss war für meinen kleinen Begleiter einfach eine Nummer zu tief. Also habe ich kurzerhand direkt an der Pistenkreuzung mein Nachtlager aufgeschlagen. Um 21 Uhr war ich nach vier Stunden hochkonzentrierter Fahrt verdammt kaputt, aber unendlich glücklich. Hochland-Abenteuer pur!


Samstag, 11. Juli 2026: Sturmwind, eiskalte Füße und eine freundliche Rangerin

Huiiii, was für eine Nacht! Der Sturm hat den Floh ordentlich durchgeschüttelt und pfeift mir beim Aufwachen immer noch um die Ohren. Als ich aus dem Fenster blinzele, sehe ich ein junges Paar in einem Dacia Duster, das ebenfalls vor dem Fluss steht. Wir haben uns kurz über die Optionen ausgetauscht und sie wollten es mutig wagen. Eine Stunde später – ich saß gerade gemütlich bei meinem Morgenkaffee – kamen sie unverrichteter Dinge zurück. Die folgende Furt kurz vor der Nýidalur-Hütte war einfach zu tief und unberechenbar. Für die beiden hieß es: den kompletten Weg wieder zurück. Schade um den Urlaubstag, aber Vernunft geht im Hochland immer vor!

Für mich hieß das: Plan B aktivieren! Ich habe meinen Futterdepotsack noch einmal kontrolliert (alles drin für 6 Tage inklusive Gaskartusche), den Rucksack geschultert und mich warm angezogen. Da stand ich nun im Sturm (es gibt eine offizielle Sturmwarnung!!) vor den kalten Wassermassen. Ich habe eine Weile hin- und hergeschaut, um den besten Weg zu finden – am liebsten natürlich trocken. Aber wer selbst schon mal hier unterwegs war, weiß: Auf der F26 gibt es kein langes Zögern. „Andrea“, dachte ich mir, „selbst wenn du hier trocken rüberkommst, kriegst du 20 Meter weiter eh nasse Füße!“ Also Hosenbeine hoch und durch das eisige Gletscherwasser gewatet. Brrr, das war frisch! Aber vom Herumstehen wird man auch nicht wärmer. Also habe ich danach sofort den sprichwörtlichen zweiten Gang eingelegt und bin strammen Schrittes die Piste entlangmarschiert.

Nach etwa drei Kilometern passierte das Beste, was mir passieren konnte: Ein Auto kam mir entgegen – es war die Rangerin! Und wie der Zufall (oder das Glück) es wollte, war es genau die Rangerin, mit der die nette Mitarbeiterin im Visitor Center vor ein paar Tagen für mich telefoniert hatte. Was für ein perfektes Timing! Sie hat mein Lebensmittelpaket superlieb mit zur Hütte genommen und mir direkt angeboten, mich die Strecke zurück zum Floh zu fahren. Das habe ich dankend angenommen, denn so blieben mir zwei weitere eiskalte Flussquerungen zu Fuß erspart.

Auf der Fahrt haben wir uns großartig unterhalten. Sie hat mir nicht nur eine noch schönere, alternative Route für meine Durchquerung gezeigt (Bingo, das mache ich so!), sondern ich habe ihr auch die Geschichte von meinem himmlischen Geschenk – dem gefundenen Rentiergeweih – erzählt. Ihre Augen leuchteten und sie hat mir versichert: Die Isländer glauben ganz fest daran, dass jeder, der ein Rentiergeweih findet, vom Glück begünstigt ist. Ist das nicht wunderschön? Und ganz ehrlich: Glück nehme ich immer gerne an!

Um 10 Uhr saß ich wieder im Auto auf dem Rückweg über die F26. Diesmal kannte ich die Strecke ja schon und wir haben die Furten deutlich sportlicher genommen. Nach dreieinhalb Stunden Fahrt habe ich den Wagen in Akureyri erst einmal rundum versorgt: Reifenluft aufgepumpt (Luft ablassen auf den Schotterpisten bringt wirklich viel mehr Kompfort!), getankt, den Floh schick gewaschen, eine kaputte Scheinwerferbirne gewechselt und mein Bett im Heck repariert. Beim anschließenden Einkauf konnte ich einfach nicht widerstehen... und so gab es als Belohnung für diesen grandiosen Tag zum Abendessen: saftige Lammkoteletts! Satt, glücklich und rundum zufrieden lasse ich diesen stürmischen, aber absolut perfekten Tag jetzt an einem ruhigen Plätzchen ausklingen. Das Abenteuer Island-Durchquerung kann kommen! Allerdings ist für die kommenden zwei Tage die Sturmwarnung auf der zweithöchsten Stufe – das warte ich noch ab.

Islanddurchquerung über die Hochebene im Landesinneren Einmal quer durch Island - das machen unter 100 Weitwanderer jedes Jahr

17.07.2026 – Tag 1: Vom Mývatn ins Herz des Hochlands
Strecke: ca. 40 km | Wetter: Endlich Sonne für die Seele, windig aber stabil
Island-Durchquerung 2026: Angekommen an der Dyngjufell-Hütte!

Was für ein Start in dieses Abenteuer! Nachdem ich meinen Aufbruch wegen des heftigen Sturms und Regens um einen Tag verschoben hatte, hat sich die Geduld mehr als ausgezahlt. Gestern früh ging es am Mývatn endlich los. Island belohnt einen direkt: Hier oben wird es im Sommer kaum richtig dunkel. Ich konnte also schon ultrafrüh starten – ganz ohne Stirnlampe, einfach hinein in den endlosen Tag.

Der Wind war beim Abmarsch zwar noch spürbar, hat sich dann aber zum Glück nach und nach gelegt. Die Wettervorhersage hat heute Wort gehalten und mir einen wunderschönen, sonnigen Tag geschenkt. Nach den grauen Sturmtagen war das pure Nahrung für die Seele!

Viel wilder: Hardcore-Hinterland

Ich habe ja schon einiges gesehen. Auf dem Pacific Crest Trail war ich oft weit weg von der Zivilisation, und auch auf dem Te Araroa in Neuseeland gab es einsame Ecken. Aber Island? Das ist noch mal eine ganz andere Hausnummer - einfach hardcore-Hinterland.

Es gibt keinen vorgefertigten Weg, keine Schilder und geschweige denn irgendwelche Markierungen. Nur eine vage Richtung durch das menschenleere Innere der Insel. Ohne mein GPS-Gerät wäre es schwer, wenigstens etwa die richtige Richtung zu behalten.

Unterwegs habe ich ein faszinierendes Bild entdeckt: Ein einzelner Grashalm wurde vom Wind so wild hin und her geschleudert, dass seine Spitze einen fast perfekten Kreis in den Boden gezeichnet hat. Ein wunderschönes, geometrisches Muster – und die perfekte Art, den sonst unsichtbaren, heftigen Wind sichtbar zu machen.

Die Beine brennen, das Ziel steht

Nach einem verdammt anstrengenden ersten Tag und satten 40 Kilometern in den Knochen bin ich heute Abend erschöpft, aber glücklich an der Dyngjufell-Hütte angekommen. Mein Körper merkt die Distanz, aber nach einer guten ersten Nacht im Zelt lief es heute wie am Schnürchen. Ein Teil der heutigen Strecke verlief entlang der rauen Piste, die auch von Touristen genutzt wird, um zur Askja zu gelangen (hier gilt strengstes 4x4-Gebot für Fahrzeuge!).

Jetzt sitze ich in der Hütte und genieße die Ruhe. Ab jetzt gilt: Flugmodus an! Während ihr euer Handy jederzeit an die Steckdose hängen könnt, muss ich für die nächsten sechs Tage extrem stromsparend unterwegs sein. Keine Steckdosen weit und breit abseits der Zivilisation, und Empfang gibt es hier oben ohnehin fast nie.

Blick nach vorn: Das Reich der Vulkane und Gletscher

Morgen geht es weiter Richtung Askja und an den Rand des mächtigen Vatnajökull – dem größten Gletscher Islands und ganz Europas. Die Vorschau trübt die Vorfreude kein bisschen, auch wenn in drei Tagen schon wieder Regen und neuer Sturm aus Westen gemeldet sind. Genau dann werde ich den höchsten Punkt der ersten Hälfte erreichen.

Die beiden super freundlichen Mitarbeiter im Mývatn-Info-Center hatten mich ja schon vorgewarnt: An der Askja liegt momentan noch richtig viel Schnee. Das wird ein harter Kampf durch den nassen Sulzschnee, der durch das Tauwetter extrem mühsam zu begehen sein wird. Aber hey, genau für diese Wildnis bin ich hier! Vielleicht klappt es ja sogar mit einem Bad im berühmten grünen Vulkansee (Viti) – das Wasser dort wird von unterirdischen Quellen auf angenehme 20–25 °C aufgewärmt. Ein Traum nach den Strapazen.

Die Askja ist geschichtsträchtig – berühmt durch die Askja-Feuer von 1874 bis 1929, die diese gewaltigen Lava- und Aschefelder geformt haben. Im Moment ruht der Riese zum Glück.

Jetzt heißt es: Füße hochlegen, die mentale Energie aufladen und die Stille genießen. Drückt mir die Daumen, dass der Wind morgen gnädig ist und Plan B oder C (Umkehren) ganz weit weg in der Schublade bleiben können!

Bis zum nächsten Update aus der Wildnis, Eure Andrea


Mein Weg durch das Innere Islands 
Großer Rückblick auf die ersten vier Tage (17.07. – 20.07.2026)

Was für ein unbeschreiblicher, gewaltiger Auftakt sind diese ersten vier Tage meiner Inseldurchquerung von Reykjahlíð am Mývatn bis hinunter zur Südküste beim Skogarfoss! Wenn ich jetzt hier in der Kistufell-Hütte sitze und auf die ersten Tage zurückblicke, verschwimmen Schmerz, Staub, grenzenlose Erschöpfung und tiefste Demut zu einem einzigen, surrealen Film. Ich habe schon so einige Kilometer in meinem Leben zurückgelegt, aber das hier? Das ist mit großem Abstand das Krasseste, Schwerste und Unwegsamste, was ich je unter meinen Schuhen hatte. Und gleichzeitig ist es so außerirdisch besonders, dass ich bei jedem einzelnen Blick über diese schier unendliche Weite vergesse, wie sehr die Knochen und Muskeln eigentlich jammern.

Etappe 1 und 2: Von Reykjahlíð (Mývatn) über die Botni-Hütte zur Dyngjufell-Hütte

Einstieg in die Ódáðahraun-Lavawüste

Die Reise begann im beschaulichen Reykjahlíð am Mývatn. Dort habe ich mein Minivan, meinen Gletscherfloh abgestellt. Kaum lässt man den See hinter sich, spuckt einen die Zivilisation direkt aus – hinein in die Ódáðahraun, die berüchtigte „Missetäter-Wüste“, die größte und unwirtlichste Lavawüste Islands.

Die reinen Zahlen sprechen für sich: Gute 44 Kilometer liegen zwischen Reykjahlíð und der Botni-Hütte. Die Bedingungen an diesem Tag waren schlichtweg granatenmäßig hart. Der permanente, peitschende Gegenwind blies mir unablässig ins Gesicht. Der Boden wechselt tückisch zwischen tiefem, feinem Lavasand, der jeden Schritt einsaugt und doppelt so viel Kraft aus den Waden zieht, alten Bimssteinfeldern und scharfkantigen, schroffen Lavaformationen.

Unterwegs stellte ich fest: Ohne meine Pause hätte ich es wohl gar nicht geschafft. Wegen der hartnäckigen Mücken habe ich auf halber Strecke einfach mitten in der Ödnis für zwei Stunden das Zelt aufgebaut. Hinlegen, entspannen, vom spärlichen Wasservorrat was trinken – das hat mir „das Leben gerettet“. Die letzten fünf Kilometer vor der Botni-Hütte wurden dann noch einmal zu einer Zerreißprobe. Immer gegen den Wind, brennende Muskeln und zuletzt steil hinauf. Und hinsichtlich Wasser: wo eigentlich Bäche sein sollten, herrscht bereits jetzt gänzliche Trockenheit. Sogar der kleine Teich an der Botni-Hütte war extrem mager!

Nach der ersten Nacht ging es weiter über die ca. 21 bis 25 Kilometer lange Etappe zur Dyngjufell-Hütte. Das Wasserversickerungsproblem auf diesem vulkanischen Untergrund ist enorm: Da Schmelzwasser von den letzten Schneefeldern weit und breit die einzige Quelle ist, schleppe ich bis zu 5 Liter Wasser mit mir herum. Ein gewaltiges Zusatzgewicht im Rucksack, aber wichtig, sollte irgendwo zwischendurch die Wasserversorgung nicht klappen.

Umso größer war das Glück an der Dyngjufell-Hütte im grauen, isolierten Tal Dyngjufjalladalur: Für 40 Euro hatte ich die ganze Hütte für mich ganz alleine – mein persönliches Luxus-Einzelzimmer mitten in der Wildnis! Normalerweise passen hier 16 Leute rein, was nach so einem Tag mein sicherer Tod gewesen wäre. Aber so konnte ich in absoluter Stille schlafen, ohne dass der Sturm am Zelt rüttelte. Die Hütte war sauber, der Gaskocher sprang an und die Seele kam zur Ruhe. Bei strahlendem Sonnenschein habt mir abends noch mein kleines Solarpanel fleißig Strom für meine Powerbank gesammelte. Was für fantastische Kontraste: die tote, graue Wüste und daneben, an der Hütte vorbei, der leuchtende, spärliche Flusslauf bei Sonnenuntergang.

Etappe 3: Von der Dyngjufell-Hütte zur Dreki-Hütte

Die Königsetappe über den Jónsskarð-Pass und die Askja-Caldera

(ca. 20–24 km | 8–10 Stunden | +800 hm / -900 hm)

Der nächste Morgen forderte direkt die volle Konzentration. Es ging sofort steil bergauf hinein ins gewaltige Dyngjufjöll-Gebirge. Ziel: der Jónsskarð-Pass auf über 1.300 Metern Höhe – der höchste Punkt bis zur Mitte der Strecke bei der Nýidalur-Hütte.

Der Aufstieg führt durch loses Geröll, eiskaltes Schmelzwasser und riesige, teils tiefweiche Schneefelder. Bei jedem Schritt bricht man ein, rutscht ab, sucht Halt. Es fängt an zu stürmen, Wolken ziehen auf. Aber wenn man dann oben auf dem Kraterrand steht und sich die gigantische Askja-Caldera vor einem ausbreitet, steht die Welt für einen Moment still. Man wandert am tiefblauen Öskjuvatn-See vorbei und blickt hinab in den geothermalen, milchig-warmen Víti-Krater. Es ist eine Mondlandschaft von surrealer, erhabener Schönheit.

Nach der Querung des Einsturzkraters folgte der Abstieg durch das tückische, messerscharfe Lavafeld von 1961 hinab in die Drekagil-Schlucht (Drachenschlucht) zur Dreki-Hütte. Da Hüttenübernachtungen hier schnell zwischen 60 und 80 Euro pro Nacht liegen und mein Budget sprengen würden, schlug ich mein Zelt auf.

Am nächsten Morgen erwachte ich – mal wieder – komplett staubgepudert. Der Aschestaub kriecht einfach durch jede Ritze und jede Pore. Zu allem Überfluss quetschte sich morgens noch ein Spanier mit seinem riesigen „Over-Equipment-Jeep“ rücksichtslos direkt an mein Zelt, machte Lärm für fünf Zelte und batschen lautstark die Türen. Da kochte kurz der Zorn hoch und man fragt sich, wo die Rücksicht geblieben ist. Aber wisst ihr was? Staub abklopfen, durchatmen, Zelt einpacken und weiter. Die Natur ist viel zu gewaltig, um sich über so etwas lange zu ärgern!

Etappe 4: Von der Dreki-Hütte zur Kistufell-Hütte

Expedition durch die schwarze Wüste am Vatnajökull (ca. 55 km | Unterwegs mit echten „Trail Angels“ | F910 Gæsavötn-Route)

Die Etappe von Dreki zur Kistufell-Nothütte ist keine normale Wanderung mehr – es ist eine echte Hochland-Expedition entlang der berüchtigten Piste F910 parallel zum Nordrand des gewaltigen Vatnajökull-Gletschers.

Was für ein unglaubliches Glück ich an diesem Tag hatte! Zwei junge Ranger – eine der beiden kommt sogar aus Deutschland – erwiesen sich als meine absoluten „Trail Angels“. Bereits am Vortag gab es eine super Führung zum Víti-Krater und zur Askja. Doch dieses Mal erlebte ich einen echten Mega-Trip: Die Ranger nahmen mich rund 25 Kilometer mit durch die schlimmste Wüste und das Überschwemmungsgebiet.

Sie zeigten mir nicht nur das jüngste Lavafeld Islands von 2014 (das Holuhraun-Feld, wo es an manchen Stellen unter der Lava hohl klingt und wo man noch die Krater sieht), sondern auch die Unterspülungen, weshalb die Piste gesperrt ist. Wo der Sand einbricht, entstehen metertiefe Löcher im Boden – mit einem normalen Auto hat man hier absolut keine Chance! Bei der extrem aufwendigen Arbeit, eine neue Umgehung über das schroffe Lavafeld zu markieren, durfte ich hautnah dabei sein.

Nach diesen wunderbaren Gesprächen, dem atemberaubenden Blick auf den Vatnajökull und so viel Hilfsbereitschaft kämpfte ich echt mit den Tränen vor Rührung.

Nach diesem gewaltigen Transfer hieß es dann aber wieder: Rucksack auf und Marschieren! Gute 20 Kilometer lagen ab dem Absetzpunkt noch vor mir bis zur Kistufell-Hütte. Bei heftigem Gegenwind, der sandbeladene Luft mit sich trug und die Sicht beeinträchtigte, ging es noch ein ganzes Stück steil bergauf.

Und dann taucht sie schließlich auf: die Kistufell-Hütte. Exponiert und spartanisch klammert sie sich auf knapp 1.020 Metern Höhe an den kahlen Hang des Tafelbergs Kistufell. Hier gibt es nichts: Kein Gras, kein fließendes Wasser, kein einziges Anzeichen von Leben. Nur nackten Schutt, das ewige Weiß des Gletschers direkt vor den Augen und das ständige Tosen des Windes. Um Trinkwasser zu haben, muss man draußen den eisigen Sturmböen trotzen, Altschnee zusammenkratzen und ihn im Inneren auf dem Kocher schmelzen.

Doch als ich die schwere Holztür der Schutzhütte hinter mir schloss und die Beine ausstrecken konnte, wich die Erschöpfung einer tiefen, glückseligen Ehrfurcht.

Mein Fazit dieser ersten vier Tage

Die Route: Mývatn → Botni-Hütte → Dyngjufell-Hütte → Askja / Dreki-Hütte → Kistufell-Hütte

Das Ganze bei überwiegend fantastischem, sonnigem Wetter, das aber durch permanenten, kräftezehrenden Gegenwind, aufgewirbelten Sand in der Luft und feinsten Vulkanstaub erkauft wird.

Körper & Geist: Die Füße brennen, der Rucksack drückt unbarmherzig und der Staub sitzt in jeder Falte. Es ist körperlich die größte Herausforderung meines Lebens. Aber meine Dankbarkeit und Demut sind riesengroß. Wenn man in dieser rohen Welt so fantastisch unterstützt wird und das Licht der (fast) Mitternachtssonne den Gletscher erleuchtet, weiß man ganz genau, wofür man jeden einzelnen Meter gekämpft hat.

(Am nächsten Morgen, dem 20.07.2026: Mein Körper hat sich erholt, der Geist ist klar – das Hochland hat mich zwar wiederholt auf die Probe gestellt, aber ich bin bereit für die zweite Hälfte nach Südwesten!)

20.07.2026 - Kistufell-Hütte nach Gæsavötn
Nach rund 20 Kilometern durch die unerbittliche, staubtrockene Weite taucht auf einmal ein kleiner Lichtblick auf: Die Privathütte bei den Gæsavötn-Seen. In dieser scheinbar endlosen Einöde zwischen Kistufell und Nýidalur ist dieser Ort eine echte kleine Oase – hier gibt es endlich wieder klares, frisches Wasser aus den Bächen, um die leeren Speicher aufzufüllen! Normalerweise ist die Hütte verschlossen und dient Wanderern nur als wichtiger Orientierungs- und Rastpunkt, bevor es an die restlichen knapp 30 Kilometer bis nach Nýidalur geht.

Doch ich hatte heute ein gigantisches Glück im Unglück: Wegen einer heranziehenden Sturmwarnung und dank der fantastischen Hilfe der beiden Rangerinnen aus Dreki – die mich gestern freundlicherweise schon ein Stück Richtung Kistufell mitgenommen hatten – durfte ich trotz Vollbelegung tatsächlich in der Hütte Unterschlupf finden. Und es kam noch besser: Ich wurde spontan zu einem traditionellen isländischen Festessen eingeladen! Es gab geräuchertes Lamm mit Pellkartoffeln, Erbsen und kaltem Mais. Klingt einfach, war aber nach der langen Strecke in der Kälte absolut köstlich. Inmitten des Sturms da draußen warm zu sitzen, gutes Essen zu teilen und diese Herzlichkeit zu spüren – genau das sind die unvergesslichen Island-Momente, die ein Herz höher schlagen lassen!

21.07.2026 Auf nach Nýidalur – von kleinen Wundern, unerwarteter Gesellschaft und dem großen Glück

Was für Tage liegen nur hinter mir! Nach diesem unvergesslichen Festessen bei den Gæsavötn-Seen und dem warmen Unterschlupf mitten im Sturm musste ich mich am nächsten Morgen erst einmal wieder sammeln. Aber: Je früher der Start, desto besser die Chancen! Meine Devise ist und bleibt: Wer früh losgeht, hat nach hinten raus mehr Puffer und hat weniger Probleme bei den Flussquerungen (bevor das Schmelzwasser nachmittags so richtig schießt!) und schlichtweg mehr Ruhe im Schritt.

Eigentlich wollte ich schon um 5:00 Uhr aus den Federn, aber der Körper hat sich seinen Schlaf geholt – ich habe geschlafen wie ein Engel! Kurz vor 6:00 Uhr war ich dann aber auf den Beinen, habe gemütlich mein Frühstück geacht, einen heißen Kaffee genossen und bin punkt 6:00 Uhr losmarschiert.

Sonne, Sand und ein fliegender Wechsel

Was für ein Morgen! Strahlend blauer Himmel, die Sonne im Gesicht und der gewaltige Vatnajökull ständig als treuer Begleiter an meiner linken Seite. Natürlich gab es wieder den typischen Island-Wind – wer mich kennt, der weiß, wie sehr ich Wind liebe… gar nicht! Bei uns zu Hause würde man dazu Sturm sagen, hier ist das halt „ein bisschen Brise“. Man sieht es sogar an den Wanderschildern: Die eine Seite ist vom Sand völlig abgeschrubbt, die andere sieht aus wie neu!

Ich hatte mich schon auf die gut 29 Kilometer bis nach Nýidalur eingestellt und war super unterwegs. Nach etwa 20 Kilometern mitten in der staubtrockenen Lava- und Sandwüste hörte ich plötzlich Geräusche. Ich dachte erst, der Wind singt mir wieder Lieder ins Ohr (oder ich höre schon Stimmen in der Einöde!), aber nein: Es kamen tatsächlich zwei Jeeps angefahren!

Und die Welt ist manchmal so klein und wundervoll: Die beiden Rangerinnen aus Dreki waren darin! Sie hatten extra noch einen Platz frei und boten mir spontan an, mich die letzten zwei Kilometer bis zum Parkplatz/Startpunkt der Kistufell-Sicherheitsroute mitzunehmen. Zwar war das gar nicht mehr so weit, aber im Sand spart das locker eine Stunde Kraft. Am Parkplatz angekommen, ergab sich das nächste kleine Wunder: Die beiden Rangerinnen entschieden sich spontan, mich ein Stück auf meiner Wanderung zu begleiten und diese Route zu kontrollieren!

Zu dritt haben wir dann die Flussarme der Schmelzwasserflüsse überquert. Die beiden hatten ein ganz schönes Tempo drauf – da kam ich mit meinem schweren Rucksack mächtig ins Schnaufen! Aber es hat riesigen Spaß gemacht, wir haben uns wunderbar unterhalten, und sie haben mir unglaublich viel über die Gegend erzählt. Nach gut 10 gemeinsamen Kilometern haben sich unsere Wege dann getrennt und sie sind wieder umgekehrt. Was für eine liebe, herzerwärmende Begegnung!

Der Abstecher ins Zauberland Vonarskarð

Bevor ich mich endgültig auf den Weg nach Nýidalur gemacht habe, stand noch ein absolutes Highlight auf dem Plan: das legendäre Vonarskarð-Thermalgebiet.

Es liegt wie ein verstecktes Wunderland auf dem Pass zwischen den Gletschern Tungnafellsjökull und Bárðarbunga. Der Weg dorthin verlangt einem alles ab, aber die Natur entschädigt dich für jeden einzelnen Tropfen Schweiss! Wenn man dort ankommt, verändert sich die Welt schlagartig: Plötzlich stand ich zwischen dampfenden Fumarolen, leuchtend gelben Schwefelfeldern und blubbernden Schlammtöpfen. Die Erde lebt hier richtig! Die Farben sind der absolute Wahnsinn – von tiefem Rot über leuchtendes Orange bis hin zu strahlendem Gelb, direkt neben den ewigen Eisflächen der Gletscher. Ich stand da einfach nur mit offenem Mund und habe diesen surrealen Anblick aufgesaugt. Solche Momente brennen sich für immer ins Herz ein!

Notruf im Hochland: Das InReach-Drama

Allerdings zeigt das Hochland hier auch ganz schnell seine unbarmherzige Seite. Während meines Ausflugs bzw. auf der weiteren Etappe bekam ich mit, was für ein Drama sich ganz in der Nähe abspielte:

Zwei junge holländische Mädels waren ebenfalls unterwegs, wurden aber von den extremen Wetterbedingungen und der tückischen Orientierung völlig überfordert. Als nichts mehr ging, mussten sie über ihr Garmin InReach den SOS-Notruf auslösen!

Ich habe das ja schon einmal in Neuseeland miterlebt und mein Herz hat heftig geschlagen, als ich diese Notlage mitbekam. Es zeigte sich einfach wieder einmal, wie extrem schnell das Wetter in Island umschlagen kann und wie wichtig es ist, Respekt vor diesen Gewalten zu haben und sich sehr gut selbst einschätzen zu können in den persönlichen Grenzen. Zum Glück funktioniert das Rettungssystem im Hochland hervorragend: Die Ranger wurden sofort alarmiert und haben sich auf den Weg gemacht, um die beiden sicher bergen zu können. Das lässt einen auf dem Trail wieder ganz demütig werden – und erinnert mich daran, warum ich meine Sicherheit und gute Vorbereitung immer an erste Stelle setze!

Das große Essen in Nyidalur

Gegen 20:30 Uhr – nach mehr als 12 Stunden auf den Beinen – bin ich schließlich völlig platt, aber glücklich in Nýidalur angekommen. Nur ganze zwei Riegel und Wasser hatte ich über den Tag verteilt… ich hatte also nicht nur Hunger, ich habe förmlich nach Essen geschrien!

Die Hüttenwirtin – eine superliebe Deutsche – hat mich sofort in Empfang genommen. Die Hauptsammlung an Hütten war wegen des heranziehenden Sturms brechend voll, aber sie hatte ein Einsehen mit mir. Eine Gruppe hatte am Vorabend riesig gekocht und es war noch ein halber Topf köstlicher Pasta übrig. Als sie fragte, ob ich Interesse hätte, habe ich nur gerufen: „Klar, ich esse ALLES!“

Da saß ich nun: Mütze tief im Gesicht, völlig ausgehungert, zwei riesige Teller Pasta verdrückt und die anderen Hüttengäste haben mich angeschaut, als käme ich direkt von einem anderen Stern!

Weil ich nach so einem Marathon-Tag dringend meine Ruhe brauchte und nicht mit zig Leuten im Matratzenlager schlafen wollte, hat mir die Hüttenwirtin die obere Etage der zweiten, eigentlich geschlossenen Hütte aufgeschlossen. Ich war der einzige Gast da oben! Der Schlaf war zwar etwas unruhig, weil die Beine nach den Strapazen noch weiterstrampeln wollten, aber heute Morgen fühle ich mich wieder richtig fit, dankbar und einfach nur glücklich.

Eine kleine Anekdote am Rande:

Der Radfahrer aus Slowenien, der schon in Kistufell völlig fertig war, habe ich heute wieder getroffen! Der Ärmste ist mit gefühlten 50 Kilo High-End-Equipment unterwegs (von der Kamera-Fernbedienung an der Uhr bis zu tausend Spezial-Ladekabeln). Aber Fahrrad fahren in diesem Untergrund und dem Gewicht? Fehlanzeige! Er schiebt sein Monster von Rad stundenlang durch den tiefen Lavasand. Wenn man im Sand schiebt, sieht man halt nur auf die Reifen – von der fantastischen Natur kriegt man da kaum was mit. Ich habe ja schon beim Gehen gekämpft, aber gegen ihn hatte ich regelrecht Luxus! Und schneller als ich war er halt auch nicht durchs Schieben.

22.07.2026 – Zeroday im Nyidalur

Heute ist ein absoluter Entspannungstag! Der Wind pfeift draußen ordentlich, aber ich sitze hier im Warmen, mache ein bisschen Gymnastik für die müden Muckis, kümmere mich um meine Wäsche (damit morgen alles wieder frisch ist) und genieße diese friedliche Stille.

Später kommen noch ein paar andere Gäste rein – unter anderem die zwei jungen holländischen Mädels, die gestern wegen des Sturms Hilfe anfordern mussten und nun sicher von den Rangern hergebracht werden. Es ist einfach gut zu wissen, dass hier im Hochland aufeinander aufgepasst wird.

Für mich geht es morgen dann entspannt weiter Richtung Süden, Richtung Landmannalaugar.

Das Glück der kleinen Dinge am Wegesrand

Auch wenn die Beine nach so vielen Kilometern schwer werden und der Wind einem unerbittlich um die Ohren pfeift: Was mich auf diesen endlosen Etappen immer wieder trägt, ist die schiere Begeisterung für diese Landschaft und die vielen winzigen Wunder direkt vor meinen Füßen. Wenn der Weg gut zu gehen ist und man endlich mal ein bisschen Tempo aufnehmen kann, ohne bei jedem Schritt angestrengt auf den Boden staren zu müssen, geht mir richtig das Herz auf! Dann wandert der Blick von den gewaltigen Dimensionen des Vatnajökull an meiner Seite hinab zum Boden. Es ist einfach faszinierend: Mitten in dieser scheinbar unbarmherzigen, kargen Wüste aus dunkler Lava, Sand und Geröll tauchen plötzlich kleine, sattgrüne Moostäler auf – kleine Oasen, die verraten, dass hier das Schmelzwasser seinen Weg sucht. Und jetzt im Frühling strecken überall die mutigsten kleinen Blüten ihre Köpfchen gen Himmel! Diese winzigen, farbenfrohen Pflänzchen, die sich trotzt aller Gewalten durch den harten Untergrund kämpfen, berühren mich zutiefst. Genau das ist es, was mir auf Schritt und Tritt wieder neue Energie schenkt: Man bleibt kurz stehen, dreht sich um, staunt über die weiche, wilde Schönheit im Großen wie im Kleinen und spürt einfach nur dieses riesige, pure Glück, genau hier sein zu dürfen!