Vorbereitungen auf die Hochland-Durchquerung von Island
Freitag, 10. Juli 2026: Abenteuer Hochland! Mit dem „Floh“ auf der legendären F26
Was für ein toller Start in den Tag! Nach einer wunderbar erholsamen Nacht am Mývatn habe ich mir erst einmal ein echtes Highlight gegönnt: ein langes Bad in den Mývatn-Naturbädern. Ich war pünktlich um 10 Uhr zur Öffnung da – die Anlage ist frisch saniert, absolut traumhaft und macht der Blauen Lagune im Süden echte Konkurrenz. Weil so früh noch kaum etwas los war, hatte ich das mineralische, herrlich warme Wasser fast für mich allein. Tiefenentspannung pur! Danach forderte zurecht der Magen meine Aufmerksamkeit: Ich hatte ja noch gar nicht gefrühstückt. Also gab es erst einmal die weltbesten Fish and Chips zur Stärkung.
Und dann hieß es: Abflug Richtung Hochland! Mein großes Ziel für heute war es, mein Lebensmitteldepot für die anstehende Island-Durchquerung an der Nýidalur-Hütte auf 800 Metern Höhe zu hinterlegen. Also ging es mit meinem treuen „Floh“ (meinem kleinen Panda-SUV-Minivan) ab auf die berühmt-berüchtigte F26, auch bekannt als Sprengisandur-Route. Die Piste ist erst seit Kurzem aus dem Winterschlaf erwacht. Andere Island-Fahrer berichten oft von tiefen, nervenaufreibenden Waschbrett-Pisten, aber da es hier seit Wochen recht feucht und wenig sommerlich ist, ist das Profil der Straße noch erstaunlich fest – dafür warten unzählige dicke Steine und raue Abschnitte. Man braucht Geduld: Für die rund 120 Kilometer teilt man sich die Piste mit der Einsamkeit und schleicht mit 30 bis 50 km/h vorwärts.
Zuerst ging es – noch recht flott - durch das idyllische Bárðardalur-Tal, an dessen Ende ein wunderschöner Fotospot wartet: der spektakuläre Aldeyjarfoss! Wie sich die weißen Wassermassen umrahmt von tiefschwarzen, perfekt symmetrischen Basaltsäulen in die Tiefe stürzen, ist einfach atemberaubend. Danach verändert sich die Kulisse komplett: Die Vegetation weicht einer endlosen, surrealen Wüste aus schwarzem Lavasand und Geröll, flankiert von den majestätischen Gletschern Hofsjökull und Tungnafellsjökull am Horizont. Was für eine beeindruckende Kulisse!
Jede der zahlreichen Flussquerungen habe ich mir ganz genau angeschaut – Sicherheit geht vor, schließlich ist der Floh kein Riesen-Monster-Truck. Bis auf 5 Kilometer bin ich an die Hütte herangekommen, doch vor der vorletzten Furt hieß es: Stopp. Der Fluss war für meinen kleinen Begleiter einfach eine Nummer zu tief. Also habe ich kurzerhand direkt an der Pistenkreuzung mein Nachtlager aufgeschlagen. Um 21 Uhr war ich nach vier Stunden hochkonzentrierter Fahrt verdammt kaputt, aber unendlich glücklich. Hochland-Abenteuer pur!
Samstag, 11. Juli 2026: Sturmwind, eiskalte Füße und eine freundliche Rangerin
Huiiii, was für eine Nacht! Der Sturm hat den Floh ordentlich durchgeschüttelt und pfeift mir beim Aufwachen immer noch um die Ohren. Als ich aus dem Fenster blinzele, sehe ich ein junges Paar in einem Dacia Duster, das ebenfalls vor dem Fluss steht. Wir haben uns kurz über die Optionen ausgetauscht und sie wollten es mutig wagen. Eine Stunde später – ich saß gerade gemütlich bei meinem Morgenkaffee – kamen sie unverrichteter Dinge zurück. Die folgende Furt kurz vor der Nýidalur-Hütte war einfach zu tief und unberechenbar. Für die beiden hieß es: den kompletten Weg wieder zurück. Schade um den Urlaubstag, aber Vernunft geht im Hochland immer vor!
Für mich hieß das: Plan B aktivieren! Ich habe meinen Futterdepotsack noch einmal kontrolliert (alles drin für 6 Tage inklusive Gaskartusche), den Rucksack geschultert und mich warm angezogen. Da stand ich nun im Sturm (es gibt eine offizielle Sturmwarnung!!) vor den kalten Wassermassen. Ich habe eine Weile hin- und hergeschaut, um den besten Weg zu finden – am liebsten natürlich trocken. Aber wer selbst schon mal hier unterwegs war, weiß: Auf der F26 gibt es kein langes Zögern. „Andrea“, dachte ich mir, „selbst wenn du hier trocken rüberkommst, kriegst du 20 Meter weiter eh nasse Füße!“ Also Hosenbeine hoch und durch das eisige Gletscherwasser gewatet. Brrr, das war frisch! Aber vom Herumstehen wird man auch nicht wärmer. Also habe ich danach sofort den sprichwörtlichen zweiten Gang eingelegt und bin strammen Schrittes die Piste entlangmarschiert.
Nach etwa drei Kilometern passierte das Beste, was mir passieren konnte: Ein Auto kam mir entgegen – es war die Rangerin! Und wie der Zufall (oder das Glück) es wollte, war es genau die Rangerin, mit der die nette Mitarbeiterin im Visitor Center vor ein paar Tagen für mich telefoniert hatte. Was für ein perfektes Timing! Sie hat mein Lebensmittelpaket superlieb mit zur Hütte genommen und mir direkt angeboten, mich die Strecke zurück zum Floh zu fahren. Das habe ich dankend angenommen, denn so blieben mir zwei weitere eiskalte Flussquerungen zu Fuß erspart.
Auf der Fahrt haben wir uns großartig unterhalten. Sie hat mir nicht nur eine noch schönere, alternative Route für meine Durchquerung gezeigt (Bingo, das mache ich so!), sondern ich habe ihr auch die Geschichte von meinem himmlischen Geschenk – dem gefundenen Rentiergeweih – erzählt. Ihre Augen leuchteten und sie hat mir versichert: Die Isländer glauben ganz fest daran, dass jeder, der ein Rentiergeweih findet, vom Glück begünstigt ist. Ist das nicht wunderschön? Und ganz ehrlich: Glück nehme ich immer gerne an!
Um 10 Uhr saß ich wieder im Auto auf dem Rückweg über die F26. Diesmal kannte ich die Strecke ja schon und wir haben die Furten deutlich sportlicher genommen. Nach dreieinhalb Stunden Fahrt habe ich den Wagen in Akureyri erst einmal rundum versorgt: Reifenluft aufgepumpt (Luft ablassen auf den Schotterpisten bringt wirklich viel mehr Kompfort!), getankt, den Floh schick gewaschen, eine kaputte Scheinwerferbirne gewechselt und mein Bett im Heck repariert. Beim anschließenden Einkauf konnte ich einfach nicht widerstehen... und so gab es als Belohnung für diesen grandiosen Tag zum Abendessen: saftige Lammkoteletts! Satt, glücklich und rundum zufrieden lasse ich diesen stürmischen, aber absolut perfekten Tag jetzt an einem ruhigen Plätzchen ausklingen. Das Abenteuer Island-Durchquerung kann kommen! Allerdings ist für die kommenden zwei Tage die Sturmwarnung auf der zweithöchsten Stufe – das warte ich noch ab.
17.07.2026 – Tag 1: Vom Mývatn ins Herz des Hochlands
Strecke: ca. 40 km | Wetter: Endlich Sonne für die Seele, windig aber stabil
Island-Durchquerung 2026: Angekommen an der Dyngjufell-Hütte!
Was für ein Start in dieses Abenteuer! Nachdem ich meinen Aufbruch wegen des heftigen Sturms und Regens um einen Tag verschoben hatte, hat sich die Geduld mehr als ausgezahlt. Gestern früh ging es am Mývatn endlich los. Island belohnt einen direkt: Hier oben wird es im Sommer kaum richtig dunkel. Ich konnte also schon ultrafrüh starten – ganz ohne Stirnlampe, einfach hinein in den endlosen Tag.
Der Wind war beim Abmarsch zwar noch spürbar, hat sich dann aber zum Glück nach und nach gelegt. Die Wettervorhersage hat heute Wort gehalten und mir einen wunderschönen, sonnigen Tag geschenkt. Nach den grauen Sturmtagen war das pure Nahrung für die Seele!
Viel wilder: Hardcore-Hinterland
Ich habe ja schon einiges gesehen. Auf dem Pacific Crest Trail war ich oft weit weg von der Zivilisation, und auch auf dem Te Araroa in Neuseeland gab es einsame Ecken. Aber Island? Das ist noch mal eine ganz andere Hausnummer - einfach hardcore-Hinterland.
Es gibt keinen vorgefertigten Weg, keine Schilder und geschweige denn irgendwelche Markierungen. Nur eine vage Richtung durch das menschenleere Innere der Insel. Ohne mein GPS-Gerät wäre es schwer, wenigstens etwa die richtige Richtung zu behalten.
Unterwegs habe ich ein faszinierendes Bild entdeckt: Ein einzelner Grashalm wurde vom Wind so wild hin und her geschleudert, dass seine Spitze einen fast perfekten Kreis in den Boden gezeichnet hat. Ein wunderschönes, geometrisches Muster – und die perfekte Art, den sonst unsichtbaren, heftigen Wind sichtbar zu machen.
Die Beine brennen, das Ziel steht
Nach einem verdammt anstrengenden ersten Tag und satten 40 Kilometern in den Knochen bin ich heute Abend erschöpft, aber glücklich an der Dyngjufell-Hütte angekommen. Mein Körper merkt die Distanz, aber nach einer guten ersten Nacht im Zelt lief es heute wie am Schnürchen. Ein Teil der heutigen Strecke verlief entlang der rauen Piste, die auch von Touristen genutzt wird, um zur Askja zu gelangen (hier gilt strengstes 4x4-Gebot für Fahrzeuge!).
Jetzt sitze ich in der Hütte und genieße die Ruhe. Ab jetzt gilt: Flugmodus an! Während ihr euer Handy jederzeit an die Steckdose hängen könnt, muss ich für die nächsten sechs Tage extrem stromsparend unterwegs sein. Keine Steckdosen weit und breit abseits der Zivilisation, und Empfang gibt es hier oben ohnehin fast nie.
Blick nach vorn: Das Reich der Vulkane und Gletscher
Morgen geht es weiter Richtung Askja und an den Rand des mächtigen Vatnajökull – dem größten Gletscher Islands und ganz Europas. Die Vorschau trübt die Vorfreude kein bisschen, auch wenn in drei Tagen schon wieder Regen und neuer Sturm aus Westen gemeldet sind. Genau dann werde ich den höchsten Punkt der ersten Hälfte erreichen.
Die beiden super freundlichen Mitarbeiter im Mývatn-Info-Center hatten mich ja schon vorgewarnt: An der Askja liegt momentan noch richtig viel Schnee. Das wird ein harter Kampf durch den nassen Sulzschnee, der durch das Tauwetter extrem mühsam zu begehen sein wird. Aber hey, genau für diese Wildnis bin ich hier! Vielleicht klappt es ja sogar mit einem Bad im berühmten grünen Vulkansee (Viti) – das Wasser dort wird von unterirdischen Quellen auf angenehme 20–25 °C aufgewärmt. Ein Traum nach den Strapazen.
Die Askja ist geschichtsträchtig – berühmt durch die Askja-Feuer von 1874 bis 1929, die diese gewaltigen Lava- und Aschefelder geformt haben. Im Moment ruht der Riese zum Glück.
Jetzt heißt es: Füße hochlegen, die mentale Energie aufladen und die Stille genießen. Drückt mir die Daumen, dass der Wind morgen gnädig ist und Plan B oder C (Umkehren) ganz weit weg in der Schublade bleiben können!
Bis zum nächsten Update aus der Wildnis, Eure Andrea
Mein Weg durch das Innere Islands
Großer Rückblick auf die ersten vier Tage (17.07. – 20.07.2026)
Was für ein unbeschreiblicher, gewaltiger Auftakt sind diese ersten vier Tage meiner Inseldurchquerung von Reykjahlíð am Mývatn bis hinunter zur Südküste beim Skogarfoss! Wenn ich jetzt hier in der Kistufell-Hütte sitze und auf die ersten Tage zurückblicke, verschwimmen Schmerz, Staub, grenzenlose Erschöpfung und tiefste Demut zu einem einzigen, surrealen Film. Ich habe schon so einige Kilometer in meinem Leben zurückgelegt, aber das hier? Das ist mit großem Abstand das Krasseste, Schwerste und Unwegsamste, was ich je unter meinen Schuhen hatte. Und gleichzeitig ist es so außerirdisch besonders, dass ich bei jedem einzelnen Blick über diese schier unendliche Weite vergesse, wie sehr die Knochen und Muskeln eigentlich jammern.
Etappe 1 und 2: Von Reykjahlíð (Mývatn) über die Botni-Hütte zur Dyngjufell-Hütte
Einstieg in die Ódáðahraun-Lavawüste
Die Reise begann im beschaulichen Reykjahlíð am Mývatn. Dort habe ich mein Minivan, meinen Gletscherfloh abgestellt. Kaum lässt man den See hinter sich, spuckt einen die Zivilisation direkt aus – hinein in die Ódáðahraun, die berüchtigte „Missetäter-Wüste“, die größte und unwirtlichste Lavawüste Islands.
Die reinen Zahlen sprechen für sich: Gute 44 Kilometer liegen zwischen Reykjahlíð und der Botni-Hütte. Die Bedingungen an diesem Tag waren schlichtweg granatenmäßig hart. Der permanente, peitschende Gegenwind blies mir unablässig ins Gesicht. Der Boden wechselt tückisch zwischen tiefem, feinem Lavasand, der jeden Schritt einsaugt und doppelt so viel Kraft aus den Waden zieht, alten Bimssteinfeldern und scharfkantigen, schroffen Lavaformationen.
Unterwegs stellte ich fest: Ohne meine Pause hätte ich es wohl gar nicht geschafft. Wegen der hartnäckigen Mücken habe ich auf halber Strecke einfach mitten in der Ödnis für zwei Stunden das Zelt aufgebaut. Hinlegen, entspannen, vom spärlichen Wasservorrat was trinken – das hat mir „das Leben gerettet“. Die letzten fünf Kilometer vor der Botni-Hütte wurden dann noch einmal zu einer Zerreißprobe. Immer gegen den Wind, brennende Muskeln und zuletzt steil hinauf. Und hinsichtlich Wasser: wo eigentlich Bäche sein sollten, herrscht bereits jetzt gänzliche Trockenheit. Sogar der kleine Teich an der Botni-Hütte war extrem mager!
Nach der ersten Nacht ging es weiter über die ca. 21 bis 25 Kilometer lange Etappe zur Dyngjufell-Hütte. Das Wasserversickerungsproblem auf diesem vulkanischen Untergrund ist enorm: Da Schmelzwasser von den letzten Schneefeldern weit und breit die einzige Quelle ist, schleppe ich bis zu 5 Liter Wasser mit mir herum. Ein gewaltiges Zusatzgewicht im Rucksack, aber wichtig, sollte irgendwo zwischendurch die Wasserversorgung nicht klappen.
Umso größer war das Glück an der Dyngjufell-Hütte im grauen, isolierten Tal Dyngjufjalladalur: Für 40 Euro hatte ich die ganze Hütte für mich ganz alleine – mein persönliches Luxus-Einzelzimmer mitten in der Wildnis! Normalerweise passen hier 16 Leute rein, was nach so einem Tag mein sicherer Tod gewesen wäre. Aber so konnte ich in absoluter Stille schlafen, ohne dass der Sturm am Zelt rüttelte. Die Hütte war sauber, der Gaskocher sprang an und die Seele kam zur Ruhe. Bei strahlendem Sonnenschein habt mir abends noch mein kleines Solarpanel fleißig Strom für meine Powerbank gesammelte. Was für fantastische Kontraste: die tote, graue Wüste und daneben, an der Hütte vorbei, der leuchtende, spärliche Flusslauf bei Sonnenuntergang.
Etappe 3: Von der Dyngjufell-Hütte zur Dreki-Hütte
Die Königsetappe über den Jónsskarð-Pass und die Askja-Caldera
(ca. 20–24 km | 8–10 Stunden | +800 hm / -900 hm)
Der nächste Morgen forderte direkt die volle Konzentration. Es ging sofort steil bergauf hinein ins gewaltige Dyngjufjöll-Gebirge. Ziel: der Jónsskarð-Pass auf über 1.300 Metern Höhe – der höchste Punkt bis zur Mitte der Strecke bei der Nýidalur-Hütte.
Der Aufstieg führt durch loses Geröll, eiskaltes Schmelzwasser und riesige, teils tiefweiche Schneefelder. Bei jedem Schritt bricht man ein, rutscht ab, sucht Halt. Es fängt an zu stürmen, Wolken ziehen auf. Aber wenn man dann oben auf dem Kraterrand steht und sich die gigantische Askja-Caldera vor einem ausbreitet, steht die Welt für einen Moment still. Man wandert am tiefblauen Öskjuvatn-See vorbei und blickt hinab in den geothermalen, milchig-warmen Víti-Krater. Es ist eine Mondlandschaft von surrealer, erhabener Schönheit.
Nach der Querung des Einsturzkraters folgte der Abstieg durch das tückische, messerscharfe Lavafeld von 1961 hinab in die Drekagil-Schlucht (Drachenschlucht) zur Dreki-Hütte. Da Hüttenübernachtungen hier schnell zwischen 60 und 80 Euro pro Nacht liegen und mein Budget sprengen würden, schlug ich mein Zelt auf.
Am nächsten Morgen erwachte ich – mal wieder – komplett staubgepudert. Der Aschestaub kriecht einfach durch jede Ritze und jede Pore. Zu allem Überfluss quetschte sich morgens noch ein Spanier mit seinem riesigen „Over-Equipment-Jeep“ rücksichtslos direkt an mein Zelt, machte Lärm für fünf Zelte und batschen lautstark die Türen. Da kochte kurz der Zorn hoch und man fragt sich, wo die Rücksicht geblieben ist. Aber wisst ihr was? Staub abklopfen, durchatmen, Zelt einpacken und weiter. Die Natur ist viel zu gewaltig, um sich über so etwas lange zu ärgern!
Etappe 4: Von der Dreki-Hütte zur Kistufell-Hütte
Expedition durch die schwarze Wüste am Vatnajökull (ca. 55 km | Unterwegs mit echten „Trail Angels“ | F910 Gæsavötn-Route)
Die Etappe von Dreki zur Kistufell-Nothütte ist keine normale Wanderung mehr – es ist eine echte Hochland-Expedition entlang der berüchtigten Piste F910 parallel zum Nordrand des gewaltigen Vatnajökull-Gletschers.
Was für ein unglaubliches Glück ich an diesem Tag hatte! Zwei junge Ranger – eine der beiden kommt sogar aus Deutschland – erwiesen sich als meine absoluten „Trail Angels“. Bereits am Vortag gab es eine super Führung zum Víti-Krater und zur Askja. Doch dieses Mal erlebte ich einen echten Mega-Trip: Die Ranger nahmen mich rund 25 Kilometer mit durch die schlimmste Wüste und das Überschwemmungsgebiet.
Sie zeigten mir nicht nur das jüngste Lavafeld Islands von 2014 (das Holuhraun-Feld, wo es an manchen Stellen unter der Lava hohl klingt und wo man noch die Krater sieht), sondern auch die Unterspülungen, weshalb die Piste gesperrt ist. Wo der Sand einbricht, entstehen metertiefe Löcher im Boden – mit einem normalen Auto hat man hier absolut keine Chance! Bei der extrem aufwendigen Arbeit, eine neue Umgehung über das schroffe Lavafeld zu markieren, durfte ich hautnah dabei sein.
Nach diesen wunderbaren Gesprächen, dem atemberaubenden Blick auf den Vatnajökull und so viel Hilfsbereitschaft kämpfte ich echt mit den Tränen vor Rührung.
Nach diesem gewaltigen Transfer hieß es dann aber wieder: Rucksack auf und Marschieren! Gute 20 Kilometer lagen ab dem Absetzpunkt noch vor mir bis zur Kistufell-Hütte. Bei heftigem Gegenwind, der sandbeladene Luft mit sich trug und die Sicht beeinträchtigte, ging es noch ein ganzes Stück steil bergauf.
Und dann taucht sie schließlich auf: die Kistufell-Hütte. Exponiert und spartanisch klammert sie sich auf knapp 1.020 Metern Höhe an den kahlen Hang des Tafelbergs Kistufell. Hier gibt es nichts: Kein Gras, kein fließendes Wasser, kein einziges Anzeichen von Leben. Nur nackten Schutt, das ewige Weiß des Gletschers direkt vor den Augen und das ständige Tosen des Windes. Um Trinkwasser zu haben, muss man draußen den eisigen Sturmböen trotzen, Altschnee zusammenkratzen und ihn im Inneren auf dem Kocher schmelzen.
Doch als ich die schwere Holztür der Schutzhütte hinter mir schloss und die Beine ausstrecken konnte, wich die Erschöpfung einer tiefen, glückseligen Ehrfurcht.
Mein Fazit dieser ersten vier Tage
Die Route: Mývatn → Botni-Hütte → Dyngjufell-Hütte → Askja / Dreki-Hütte → Kistufell-Hütte
Das Ganze bei überwiegend fantastischem, sonnigem Wetter, das aber durch permanenten, kräftezehrenden Gegenwind, aufgewirbelten Sand in der Luft und feinsten Vulkanstaub erkauft wird.
Körper & Geist: Die Füße brennen, der Rucksack drückt unbarmherzig und der Staub sitzt in jeder Falte. Es ist körperlich die größte Herausforderung meines Lebens. Aber meine Dankbarkeit und Demut sind riesengroß. Wenn man in dieser rohen Welt so fantastisch unterstützt wird und das Licht der (fast) Mitternachtssonne den Gletscher erleuchtet, weiß man ganz genau, wofür man jeden einzelnen Meter gekämpft hat.
(Am nächsten Morgen, dem 20.07.2026: Mein Körper hat sich erholt, der Geist ist klar – das Hochland hat mich zwar wiederholt auf die Probe gestellt, aber ich bin bereit für die zweite Hälfte nach Südwesten!)
20.07.2026 - Kistufell-Hütte nach Gæsavötn
Nach rund 20 Kilometern durch die unerbittliche, staubtrockene Weite taucht auf einmal ein kleiner Lichtblick auf: Die Privathütte bei den Gæsavötn-Seen. In dieser scheinbar endlosen Einöde zwischen Kistufell und Nýidalur ist dieser Ort eine echte kleine Oase – hier gibt es endlich wieder klares, frisches Wasser aus den Bächen, um die leeren Speicher aufzufüllen! Normalerweise ist die Hütte verschlossen und dient Wanderern nur als wichtiger Orientierungs- und Rastpunkt, bevor es an die restlichen knapp 30 Kilometer bis nach Nýidalur geht.
Doch ich hatte heute ein gigantisches Glück im Unglück: Wegen einer heranziehenden Sturmwarnung und dank der fantastischen Hilfe der beiden Rangerinnen aus Dreki – die mich gestern freundlicherweise schon ein Stück Richtung Kistufell mitgenommen hatten – durfte ich trotz Vollbelegung tatsächlich in der Hütte Unterschlupf finden. Und es kam noch besser: Ich wurde spontan zu einem traditionellen isländischen Festessen eingeladen! Es gab geräuchertes Lamm mit Pellkartoffeln, Erbsen und kaltem Mais. Klingt einfach, war aber nach der langen Strecke in der Kälte absolut köstlich. Inmitten des Sturms da draußen warm zu sitzen, gutes Essen zu teilen und diese Herzlichkeit zu spüren – genau das sind die unvergesslichen Island-Momente, die ein Herz höher schlagen lassen!
21.07.2026 Auf nach Nýidalur – von kleinen Wundern, unerwarteter Gesellschaft und dem großen Glück
Was für Tage liegen nur hinter mir! Nach diesem unvergesslichen Festessen bei den Gæsavötn-Seen und dem warmen Unterschlupf mitten im Sturm musste ich mich am nächsten Morgen erst einmal wieder sammeln. Aber: Je früher der Start, desto besser die Chancen! Meine Devise ist und bleibt: Wer früh losgeht, hat nach hinten raus mehr Puffer und hat weniger Probleme bei den Flussquerungen (bevor das Schmelzwasser nachmittags so richtig schießt!) und schlichtweg mehr Ruhe im Schritt.
Eigentlich wollte ich schon um 5:00 Uhr aus den Federn, aber der Körper hat sich seinen Schlaf geholt – ich habe geschlafen wie ein Engel! Kurz vor 6:00 Uhr war ich dann aber auf den Beinen, habe gemütlich mein Frühstück geacht, einen heißen Kaffee genossen und bin punkt 6:00 Uhr losmarschiert.
Sonne, Sand und ein fliegender Wechsel
Was für ein Morgen! Strahlend blauer Himmel, die Sonne im Gesicht und der gewaltige Vatnajökull ständig als treuer Begleiter an meiner linken Seite. Natürlich gab es wieder den typischen Island-Wind – wer mich kennt, der weiß, wie sehr ich Wind liebe… gar nicht! Bei uns zu Hause würde man dazu Sturm sagen, hier ist das halt „ein bisschen Brise“. Man sieht es sogar an den Wanderschildern: Die eine Seite ist vom Sand völlig abgeschrubbt, die andere sieht aus wie neu!
Ich hatte mich schon auf die gut 29 Kilometer bis nach Nýidalur eingestellt und war super unterwegs. Nach etwa 20 Kilometern mitten in der staubtrockenen Lava- und Sandwüste hörte ich plötzlich Geräusche. Ich dachte erst, der Wind singt mir wieder Lieder ins Ohr (oder ich höre schon Stimmen in der Einöde!), aber nein: Es kamen tatsächlich zwei Jeeps angefahren!
Und die Welt ist manchmal so klein und wundervoll: Die beiden Rangerinnen aus Dreki waren darin! Sie hatten extra noch einen Platz frei und boten mir spontan an, mich die letzten zwei Kilometer bis zum Parkplatz/Startpunkt der Kistufell-Sicherheitsroute mitzunehmen. Zwar war das gar nicht mehr so weit, aber im Sand spart das locker eine Stunde Kraft. Am Parkplatz angekommen, ergab sich das nächste kleine Wunder: Die beiden Rangerinnen entschieden sich spontan, mich ein Stück auf meiner Wanderung zu begleiten und diese Route zu kontrollieren!
Zu dritt haben wir dann die Flussarme der Schmelzwasserflüsse überquert. Die beiden hatten ein ganz schönes Tempo drauf – da kam ich mit meinem schweren Rucksack mächtig ins Schnaufen! Aber es hat riesigen Spaß gemacht, wir haben uns wunderbar unterhalten, und sie haben mir unglaublich viel über die Gegend erzählt. Nach gut 10 gemeinsamen Kilometern haben sich unsere Wege dann getrennt und sie sind wieder umgekehrt. Was für eine liebe, herzerwärmende Begegnung!
Der Abstecher ins Zauberland Vonarskarð
Bevor ich mich endgültig auf den Weg nach Nýidalur gemacht habe, stand noch ein absolutes Highlight auf dem Plan: das legendäre Vonarskarð-Thermalgebiet.


Es liegt wie ein verstecktes Wunderland auf dem Pass zwischen den Gletschern Tungnafellsjökull und Bárðarbunga. Der Weg dorthin verlangt einem alles ab, aber die Natur entschädigt dich für jeden einzelnen Tropfen Schweiss! Wenn man dort ankommt, verändert sich die Welt schlagartig: Plötzlich stand ich zwischen dampfenden Fumarolen, leuchtend gelben Schwefelfeldern und blubbernden Schlammtöpfen. Die Erde lebt hier richtig! Die Farben sind der absolute Wahnsinn – von tiefem Rot über leuchtendes Orange bis hin zu strahlendem Gelb, direkt neben den ewigen Eisflächen der Gletscher. Ich stand da einfach nur mit offenem Mund und habe diesen surrealen Anblick aufgesaugt. Solche Momente brennen sich für immer ins Herz ein!
Notruf im Hochland: Das InReach-Drama
Allerdings zeigt das Hochland hier auch ganz schnell seine unbarmherzige Seite. Während meines Ausflugs bzw. auf der weiteren Etappe bekam ich mit, was für ein Drama sich ganz in der Nähe abspielte:
Zwei junge holländische Mädels waren ebenfalls unterwegs, wurden aber von den extremen Wetterbedingungen und der tückischen Orientierung völlig überfordert. Als nichts mehr ging, mussten sie über ihr Garmin InReach den SOS-Notruf auslösen!
Ich habe das ja schon einmal in Neuseeland miterlebt und mein Herz hat heftig geschlagen, als ich diese Notlage mitbekam. Es zeigte sich einfach wieder einmal, wie extrem schnell das Wetter in Island umschlagen kann und wie wichtig es ist, Respekt vor diesen Gewalten zu haben und sich sehr gut selbst einschätzen zu können in den persönlichen Grenzen. Zum Glück funktioniert das Rettungssystem im Hochland hervorragend: Die Ranger wurden sofort alarmiert und haben sich auf den Weg gemacht, um die beiden sicher bergen zu können. Das lässt einen auf dem Trail wieder ganz demütig werden – und erinnert mich daran, warum ich meine Sicherheit und gute Vorbereitung immer an erste Stelle setze!
Das große Essen in Nyidalur
Gegen 20:30 Uhr – nach mehr als 12 Stunden auf den Beinen – bin ich schließlich völlig platt, aber glücklich in Nýidalur angekommen. Nur ganze zwei Riegel und Wasser hatte ich über den Tag verteilt… ich hatte also nicht nur Hunger, ich habe förmlich nach Essen geschrien!
Die Hüttenwirtin – eine superliebe Deutsche – hat mich sofort in Empfang genommen. Die Hauptsammlung an Hütten war wegen des heranziehenden Sturms brechend voll, aber sie hatte ein Einsehen mit mir. Eine Gruppe hatte am Vorabend riesig gekocht und es war noch ein halber Topf köstlicher Pasta übrig. Als sie fragte, ob ich Interesse hätte, habe ich nur gerufen: „Klar, ich esse ALLES!“
Da saß ich nun: Mütze tief im Gesicht, völlig ausgehungert, zwei riesige Teller Pasta verdrückt und die anderen Hüttengäste haben mich angeschaut, als käme ich direkt von einem anderen Stern!
Weil ich nach so einem Marathon-Tag dringend meine Ruhe brauchte und nicht mit zig Leuten im Matratzenlager schlafen wollte, hat mir die Hüttenwirtin die obere Etage der zweiten, eigentlich geschlossenen Hütte aufgeschlossen. Ich war der einzige Gast da oben! Der Schlaf war zwar etwas unruhig, weil die Beine nach den Strapazen noch weiterstrampeln wollten, aber heute Morgen fühle ich mich wieder richtig fit, dankbar und einfach nur glücklich.
Eine kleine Anekdote am Rande:
Der Radfahrer aus Slowenien, der schon in Kistufell völlig fertig war, habe ich heute wieder getroffen! Der Ärmste ist mit gefühlten 50 Kilo High-End-Equipment unterwegs (von der Kamera-Fernbedienung an der Uhr bis zu tausend Spezial-Ladekabeln). Aber Fahrrad fahren in diesem Untergrund und dem Gewicht? Fehlanzeige! Er schiebt sein Monster von Rad stundenlang durch den tiefen Lavasand. Wenn man im Sand schiebt, sieht man halt nur auf die Reifen – von der fantastischen Natur kriegt man da kaum was mit. Ich habe ja schon beim Gehen gekämpft, aber gegen ihn hatte ich regelrecht Luxus! Und schneller als ich war er halt auch nicht durchs Schieben.
22.07.2026 – Zeroday im Nyidalur
Heute ist ein absoluter Entspannungstag! Der Wind pfeift draußen ordentlich, aber ich sitze hier im Warmen, mache ein bisschen Gymnastik für die müden Muckis, kümmere mich um meine Wäsche (damit morgen alles wieder frisch ist) und genieße diese friedliche Stille.
Später kommen noch ein paar andere Gäste rein – unter anderem die zwei jungen holländischen Mädels, die gestern wegen des Sturms Hilfe anfordern mussten und nun sicher von den Rangern hergebracht werden. Es ist einfach gut zu wissen, dass hier im Hochland aufeinander aufgepasst wird.
Für mich geht es morgen dann entspannt weiter Richtung Süden, Richtung Landmannalaugar.
Das Glück der kleinen Dinge am Wegesrand
Auch wenn die Beine nach so vielen Kilometern schwer werden und der Wind einem unerbittlich um die Ohren pfeift: Was mich auf diesen endlosen Etappen immer wieder trägt, ist die schiere Begeisterung für diese Landschaft und die vielen winzigen Wunder direkt vor meinen Füßen. Wenn der Weg gut zu gehen ist und man endlich mal ein bisschen Tempo aufnehmen kann, ohne bei jedem Schritt angestrengt auf den Boden staren zu müssen, geht mir richtig das Herz auf! Dann wandert der Blick von den gewaltigen Dimensionen des Vatnajökull an meiner Seite hinab zum Boden. Es ist einfach faszinierend: Mitten in dieser scheinbar unbarmherzigen, kargen Wüste aus dunkler Lava, Sand und Geröll tauchen plötzlich kleine, sattgrüne Moostäler auf – kleine Oasen, die verraten, dass hier das Schmelzwasser seinen Weg sucht. Und jetzt im Frühling strecken überall die mutigsten kleinen Blüten ihre Köpfchen gen Himmel! Diese winzigen, farbenfrohen Pflänzchen, die sich trotzt aller Gewalten durch den harten Untergrund kämpfen, berühren mich zutiefst. Genau das ist es, was mir auf Schritt und Tritt wieder neue Energie schenkt: Man bleibt kurz stehen, dreht sich um, staunt über die weiche, wilde Schönheit im Großen wie im Kleinen und spürt einfach nur dieses riesige, pure Glück, genau hier sein zu dürfen!

Zusammenfassung im Rückblick
31.07.2026 Zurück am Myvatn und am Ende des Abenteuers Hochlanddurchquerung
Juhuuuuu! Jubel und Tanz! Ich habe es geschafft und bin zu Fuß mitten durch das Hochland meiner Sehnsuchtsinsel Island gewandert. Kann es noch gar nicht so recht fassen, dass ich es wirklich erlebt habe. Könnte ja auch ein Traum gewesen sein, wäre da nicht mein Körper, der sagt: Ja doch, du hast es getan! So sehr, wie sich dein Körper jetzt über die Ruhe freut, so sehr hat er dich da durchgebracht.
Was mir auf diesen ca. 360 km und in den letzten 14 Tagen so widerfahren ist, erfahrt ihr jetzt in den zwei Tage Pause, denn danach geht es weiter in die Westfjorde:
Donnerstag, 30.07.2026; das Ende der Hochland-Überquerung
Um ca. 08:00 Uhr mache ich mich auf den Weg zur Ringstraße und hoffe, dass mich jemand mitnimmt. Erst ging ich mal eine gute halbe Stunde und weitere 15 Minuten, doch dann hielt ein Auto: ein Paar aus Deutschland, Gero und Julia. Hach, war ich froh, und es war auch gleich ein Gespräch im Gange. So tolle Menschen, meine Trail-Engel für den Tag 😊! Sie nahmen mich ein gutes Stück mit und wir besuchten sogar noch gemeinsam einen Wasserfall. So kurzweilig war der Vormittag, bis ich dann gegen 13:00 Uhr und 30 km vor Egilsstaðir wieder an der Straße stand und auf neue Trail-Engel hoffte.
Da kamen sie schon angefahren in einem uralten Fiat-Alkovenmobil. Man sah ihm die Jahre an und das passte zu den älteren Herrschaften, die das Wohnmobil fuhren. Sie hielten und nahmen mich mit -- als ersten Passagier, seit sie das gute Stück vor ein paar Wochen gekauft hatten. Es begann eine nostalgische Fahrt über 30 km 😊. Danach stand ich in Egilsstaðir, einer kleinen Stadt und Knotenpunkt für die Fjorde. Eine Weile dauerte es, bis mich ein Paar aus Berlin mitgenommen hat (er Italiener, sie aus der Ukraine und hat in Heidelberg studiert). Durch sie kam ich dann auch noch zu einem Besuch der Stuðlagil-Schlucht -- eine beeindruckende Schlucht! Auf dem Weiterweg zum Mývatn musste ich nochmals die Fahrgelegenheit wechseln, schaffte es aber dank zweier Frauen aus Spanien noch pünktlich vor Schließung des Visitor Centers, am Mývatn zu sein. Juhuuuuuu, es ist geschafft und der Gletscherfloh ist noch da mit allem, was dazu gehört 😊! Fast hatte ich das Gefühl, er freut sich auch, mich wiederzusehen.
Ein riesiges Abenteuer endet nun für mich und ich bin überglücklich, dass alles so gut geklappt hat. Nun müssen sich die Eindrücke setzen und der Körper auch etwas Ruhe genießen. Gutes Essen, Schwimmbad mit Sauna und Hot Tub, ein Platz auf dem Campingplatz Laugar: Es ist perfekt und ich freue mich sehr.
Mittwoch, 29.07.2026
Nach einer nicht geschlafenen Nacht ist die Entscheidung leicht gewesen: Meine Wanderung über das Hochland sollte in Landmannalaugar enden. Würde versuchen, eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen, damit ich wieder zu meinem Auto an den Mývatn komme. Ein bisschen Wehmut kam schon auf, als ich mein Zelt abbaute und mich auf die Suche nach einer Fahrgelegenheit machte. Den Laugavegur wäre ich gerne nochmal gewandert, aber wenn, dann in 4 Tagen, und das erschien mir meinen Beinen zuliebe als nicht machbar. Zudem war das Wetter nicht wirklich gut und mir war kalt. Eine nicht geschlafene Nacht zehrt am Körper.
Juhuuuu, meine Zeltnachbarn -- ein Vater mit seinen zwei Söhnen aus Dänemark: Jakob, Johannes und Kasper -- nahmen mich mit bis an die Ringstraße 1 bei Vík. Super, und ich war begeistert, denn auf der F208 bin ich noch nie gefahren. Johannes, der Fahrer, meisterte die Furten absolut super und die Fahrt war für mich eine echte Bereicherung der gesamten Tour. An einem Parkplatz bin ich ausgestiegen, bedankte mich nochmal herzlich und verabschiedete sie. Fragte herum, wer denn in meine Richtung fuhr und ob noch Platz für eine Mitfahrerin sei. Ein junger Italiener bot mir die Gelegenheit zur Weiterfahrt. So kam ich wieder ein ganzes Stück in netter Gesellschaft voran. Der junge Mann hatte keinen Plan, was er mit dem Rest des Tages wollte, so konnte ich ihm ein bisschen behilflich sein und organisierte eine Kajaktour auf der Gletscherlagune. Schön, wenn man etwas zurückgeben kann -- und wenn es gute Tipps sind, ist das doch auch was. Er war jedenfalls ganz glücklich, als er noch einen Platz in der Gruppe bekommen konnte.
Schon in Landmannalaugar hatte mich die Menschenmasse regelrecht erschlagen; ich hatte dort gar nicht bleiben wollen und die ganze Nacht kein Auge zugetan, weil es so laut war, dazu fror ich erbärmlich. Umso schöner waren die Begegnungen an diesem Tag. Dem jungen Italiener, dem ich zur Kajaktour auf der Gletscherlagune geraten hatte, gab ich auch gleich noch einen Tipp für den nächsten Tag mit: eine Wanderung in Skaftafell, wo das Wetter gut werden sollte. Am Mývatn war für die kommenden zwei bis drei Tage Regen angesagt; ich wollte dort aber ohnehin nur ein, zwei Nächte bleiben, um Tagebuch zu schreiben und meine Bilder zu sichern.
Für mich ging die Reise weiter, natürlich nicht, ohne ein paar schöne Fotos an der Lagune zu machen. Mitgenommen wurde ich letztlich von einer jungen Portugiesin, die im Foodtruck arbeitet. Sie hatte Feierabend, zögerte nicht anzuhalten und mich mitzunehmen. Lud mich zu sich auf einen Tee ein und wir verstanden uns auf Anhieb. Schöne Gespräche und später noch eine Mitfahrt nach Höfn, wo ich auf dem Campingplatz ein Lager fand. Die Mädels mussten einkaufen und so konnten sie mich mit nach Höfn nehmen. Ich war mega dankbar und wir verabschiedeten uns herzlich.
Zelt aufstellen und was zu essen kochen. Dabei lernte ich zwei Österreicher kennen und es schien, als könnten sie mich am nächsten Tag weiter Richtung Norden mitnehmen. Pustekuchen, das Auto war gefüllt mit Bananenkisten für alles Gepäck, lacht... erinnerte mich an frühere Umzüge 😉. Dennoch ein nettes Gespräch, bei dem sich herausstellte, dass einer der beiden im letzten Jahr den PCT gewandert ist. Ich war verblüfft und antwortete: ICH auch 😊. Den Te Araroa in Neuseeland sei er auch schon gewandert... ICH auch 😊! Wie klein doch manchmal die Welt ist.
Dienstag, 28.07.2026, Ankunft in Landmannalaugar
Nicht ganz so früh auf dem Weg, aber doch zeitig genug, um noch einen Abstecher zur Schlucht Sigöldugljúfur mit toller Aussicht zu machen. Wir entschieden uns, nicht auf der Straße nach Landmannalaugar zu laufen, sondern einen kleinen Umweg über das Hinterland zu nehmen. Eine wirklich gute Entscheidung! Man mag sich gar nicht vorstellen, wie viel Verkehr hin und weg von Landmannalaugar anzutreffen ist. Wir hingegen konnten gemütlich durch die Aschelandschaft marschieren und mussten nicht den Dreck der Autos schlucken. Es war recht windstill und das hatte einen kleinen Nachteil: Die Mücken haben uns keine Ruhe gelassen, also Kopfnetz ausgepackt und übergestreift. Eine Pause mit Blick auf einen See und dann nochmal richtig hinklotzen, ehe der angekündigte Regen kommt. Wir umrundeten den Vulkankrater mit seinen roten und schwarzen Flanken, wanderten durch ein Feld mit Vulkangestein und Moos. Da kamen die Hütten in Sicht -- juhuuuu, das Ziel ist nahe! Ich war etwas voraus, damit ich mein Zelt noch im Trockenen aufstellen konnte. Anita hatte ja ein Bett für zwei Nächte hier gebucht. Naja, ich dachte: Heb mal den Daumen raus, wenn du schon an der Straße gehen musst. Da hat mich ein freundlicher Ranger das letzte Stück mitgenommen 😊. Dem gab ich gleich auf, mich bitte sicher angekommen zu melden, damit die Nýidalur-Hütte auch Bescheid bekam.
Wie erschlagen war ich von den vielen Menschen auf dem Campingplatz! Himmel, was für ein Gewusel und ich mittendrin nach der Einsamkeit der Tage im Hochland. Gar nicht so einfach, auf diesem Platz ein Fleckchen fürs Zelt zu finden, wo auch noch ein paar Heringe in den Boden gerammt werden können. Glücklicherweise fand sich ein Plätzchen und das Zelt war schnell aufgebaut. Anmelden und was zu Essen kochen -- der Tag ohne viel Pause war lang genug. Zuerst aber eine heiße Dusche 😊. Der Ranger bat mich um ein Gespräch mit einem jungen Paar, welches zur Dreki-Hütte weiterwandern wollte. Natürlich gibt man sein Wissen gerne weiter, sodass andere ein wenig leichter planen können. Indes überlegte ich, ob für mich am nächsten Tag ein Weiterwandern möglich sein könnte oder ich doch lieber hier das Ende setzen sollte. Ich wollte eine Nacht darüber schlafen und morgen früh entscheiden.
Montag, 27.07.2026
Ich bin wieder früh unterwegs und freute mich schon auf den Hamburger, den es später im Hotel an der Straße 26 geben würde. Der soll so lecker sein und ganz beflügelt ging es voran. Stunde um Stunde durch die Sandwüste, ein Auf und Ab. Oh, ein erstes Auto seit Tagen: ein Camper mit deutschem Kennzeichen. Bildete ich mir ein, die würden anhalten und fragen, ob alles passt? Da hatte ich mich aber getäuscht. Sie brummten einfach an mir vorbei, die Uhr auf der Stirn nach dem Motto: keine Zeit für Extras. Ein Wanderer im Nirgendwo stand nicht auf deren Liste der Möglichkeiten. Ich hätte dringend ein bisschen Wasser gebrauchen können; nun gut, dann musste es eben reichen bis zum Hotel. Dort kam ich ca. 15:00 Uhr an und Anita etwa eine Stunde später. Wir übermittelten Grüße von Helga, der Rangerin auf der Nýidalur-Hütte, und genossen einen geilen Burger mit Pommes, Kaffee und Wasser dazu. Ich wäre am liebsten sitzen geblieben und nicht mehr weitergegangen. Nun gut, half nichts, es musste noch ein Stück weitergewandert werden, damit der darauffolgende Tag nach Landmannalaugar nicht zu lang werden würde. So hängten wir noch 3 Stunden Wanderzeit an und schlugen dann unsere Zelte windgeschützt am Ufer eines kleinen Teiches auf. Wieder einmal wurde das Wasserholen durch das morastige Ufer ganz schön erschwert. Ich zog kurzerhand meine Latschen an und nahm gleich ein Fußbad mit in Kauf. Gemütlich bei einer Suppe und einem netten Gespräch klang der Abend aus.
Sonntag, 26.07.2026
Irgendwo habe ich einen Tag verloren. Falls ihn jemand sieht, bitte Bescheid sagen 😊... Ist mir einfach entwischt, sowas.
Diesen Tag habe ich tatsächlich mit Anita verbracht. Bei kräftigem Rückenwind ging es weiter bergab vom Hochland, das Wetter war noch einmal traumhaft. Wir hatten uns zusammengetan – erst in einer kuriosen kleinen Hütte, dann noch einmal beim gemeinsamen Zelten, denn bei Wind ist es zu zweit einfach einfacher, das Zelt aufzustellen, und ein bisschen Gesellschaft tat auch gut. Es war ein langer Tag, und ich hoffte, am Abend die Highland Base zu erreichen. Anita hatte noch etwas mehr Zeit eingeplant als ich.
Wir gingen schließlich gemeinsam Richtung Landmannalaugar; sie wollte von dort in sechs gemütlichen Etappen weiter über den Laugavegur wandern und hatte die Hütten dafür bereits gebucht. Für mich stand noch nicht fest, wie es weitergehen würde – das wollte ich vom Wetter abhängig machen, denn den Laugarvegur kannte ich ja bereits und meine Schwierigkeiten am rechten Bein machten mir etwas Sorgen. Am Abend lagen wir schon um 20 Uhr im Zelt, weil wir am nächsten Morgen früher raus wollten, bei hoffentlich weiterhin windstillen Bedingungen für eine ruhige Nacht.
Samstag, 25.07.2026
Es wurde ein recht kurzer Wandertag und ich stoppte in einer kleinen Oase, wie ich fand. So herrlich das Wetter und dann dieses moosbegrünte kleine Tal mit einem Wasserlauf. Hach, wie gemalt -- und mitten in dieser öden Sandwüste! So entschloss ich mich zu bleiben und auf Erholung zu setzen. Spürte ich doch seit zwei Tagen meine Schienbeinsehnen und das fühlte sich nicht gut an. Dieses stupide, gleichbleibende Laufen auf ebener Fläche über so extrem viele Kilometer -- das nahmen sie mir übel. Ich konnte es verstehen und gönnte meinen Beinen nun die nötige Erholung. Es ging auf den Abend zu und da kam sie plötzlich von hinten über den Hügel. Jupp, schön, dass wir noch einen gemeinsamen Abend und eine gemeinsame Nacht haben können. Es war eine ruhige und gut zu schlafende Nacht.
Freitag, 24.07.2026
Zu unserem Erstaunen hatten wir gut ausgeschlafen und machten uns nach dem Frühstück auf den Weg. Ich etwas früher als sie, aber nicht ganz gewiss, ob wir am Tagesende wieder gemeinsam übernachten würden. Anita hatte mehr Zeit eingeplant für ihre Wanderung, hatte sie doch Unterkünfte gebucht in Landmannalaugar und auf dem Laugavegur. Es sollte dann aber doch so sein, dass wir uns gemeinsam den Tag erwanderten und irgendwo an einem See am Abend unsere Zelte aufstellten. Es war kalt und windig, brrrr, gemütlich ist anders. Wir waren aber müde und so musste es eben mal ein bisschen schräg gehen. Die Nacht war nicht ganz so toll, denn der Wind zerrte schon ordentlich an der Zeltplane. Ich war früh auf und machte mich schon auf den Weg; wir verabschiedeten uns und jeder machte sein Ding.
Donnerstag, 23.07.2026, Aufbruch von der Nyidalurhütte
Ich wollte wieder los und so raffte ich mich früh aus dem Bett und war gegen 05:00 Uhr auf dem Weg weiter gen Süden. Kurz folgte ich der Straße, um alsbald auf eine Nebenspur zu wechseln. Das war ein Tipp von Sabine und sollte sich als wirklich gute Alternative herausstellen. Stundenlang führte die Spur durch die schwarze Wüste. Immer wieder besonders -- und doch musste ich mich nach den Tagen in der Hütte wieder neu einfinden auf dem Weg. Träumte vor mich hin und genoss, dass es windstill war, so konnte auch die kleine Muck einmal wieder zum Einsatz kommen. Gedanken kommen und gehen: Was macht meine Familie gerade? Genießen sie den Sommer und die Ferien? Mein Enkel ist mit seiner Mama in Polen, Freunde und Verwandte besuchen. Der Papa muss leider arbeiten und Benedikt mit seiner Lebensgefährtin schauen, dass sie trotz Arbeit gut durch die Hitze kommen. Hach, ich möchte sie hören, sobald ich hier durch bin. Was machen wohl meine Freunde? Die Chorgemeinschaft, in der ich aktiv bin: Die Mädels haben unser Jubiläum gefeiert. In Gedanken war ich dabei. Reichlich Zeit, Menschen in Gedanken nahe zu kommen -- es ist ein Teil des Wanderns, den ich auch sehr gerne mag. So ging der Tag dahin und wurde lang und länger. Zur Mittagszeit war ich an einer verlassenen Notunterkunft und stellte freudig fest, dass jemand sie renoviert. Finde ich absolut toll hier im Nirgendwo mitten in Island! Die Matte ausgerollt, Schlafsack und nach dem Verzehr einer heißen Suppe folgte ein Bubu-Nap. Nach etwa einer Stunde ging plötzlich die Tür auf und ein wenig bin ich schon erschrocken, so mitten aus dem Schlaf gerissen. Ich erklärte dem älteren Herrn, was ich hier tat, und er erklärte mir, er sei derjenige, welcher die Hütte renoviert. Meine Wanderung hat ihn sichtlich berührt und die anfängliche Skepsis wich einer Art Respekt und Achtung. Ich versicherte, alles so zu hinterlassen, wie ich es vorgefunden hatte. Da wollte er mich auch nicht weiter stören und verabschiedete sich. Auch im Nirgendwo gibt es manchmal Begegnungen.
Es war etwa 15:00 Uhr und ich ging wieder auf den Weg. Das Ziel für die Nacht sollte eine tolle Hütte im Nirgendwo sein. Ich war gespannt und der Rückenwind half voranzukommen. 18:00 Uhr dann: Ich war auf den Pfad eingebogen, der zur Hütte führen sollte. Irgendwie kamen Hunger und Müdigkeit auf -- es waren ja auch schon über 45 km, meine ich mich zu erinnern. Wollte schon gar nicht mehr daran glauben, dass es die Hütte noch gibt, da taucht so ein grünes Kästchen mit Fenstern auf und ich denke sofort: Himmel, was ist das denn für eine Unterkunft, lach... Ja, und beim Näherkommen wurde der Eindruck auch nicht besser: Sieht ja noch verlassener aus als die letzte Hütte. Nun ja, ich schaue sie mir auf jeden Fall an. Schon beim Öffnen der Tür kam mir der innere Fußboden entgegengewölbt. Ach du grüne Neune, was ist denn hier los? Ich trat verzückt und ernüchtert ein. Okay, da stehen Matratzen und rechts und links ein Zimmer. Wow, ich werde halb seekrank bei dem Fußboden und gehe ins erste Zimmer. Wie nett mit Spiegel an der Wand und Sessel (derer zwei), einem Schreibtisch und einem Stockbett. Hmmmm... Die Sessel leicht angegammelt, die Matratzen sehen ganz brauchbar aus, ich kann ja meine Unterlage drauflegen und auf meiner Isomatte schlafen. Okay, ich bleibe und richte mich häuslich ein; überlege, ob ich eine Tablette gegen Seekrankheit einwerfen soll, lacht... Lasse es aber bleiben. Noch runter zum Fluss und Wasser holen, dann gibt es Abendessen und heißen Tee. Es wird sicher wieder eine eiskalte Nacht werden.
Gerade liege ich und hatte die Tür verschlossen, damit der Wind sie nicht versehentlich öffnet. Hach, gut zu liegen nach dem langen Wandertag! Da klopft es an der Tür. Ich erschrecke -- mit Besuch hatte ich nun gar nicht gerechnet zu dieser späten Stunde. Holla die Waldfee! Moooooment, ich komme... Öffne die Tür und wer steht davor? Anita, die Schweizerin! So eine Überraschung und Freude zugleich! Ich bitte sie herein in die gute Stube und erwähne die Gefahr der Seekrankheit 😉. Tja, was soll ich sagen: Von da an waren wir zu zweit unterwegs -- aber erstmal eine erholsame Nacht.
Der Rucksack wog wieder mehr, denn ich hatte Essen für sieben bis acht Tage dabei: mindestens acht warme Mahlzeiten, dazu Riegel, Süßigkeiten und Nüsse. Es war herrlich ruhig, die Straße gehörte an diesem Morgen ganz mir allein, und bei Windstille spiegelten sich die vielen Seen entlang des Weges wunderschön. Ich war früh wach, gegen halb vier, und um fünf Uhr bereits unterwegs. Gespannt war ich, welche Hütte ich bis zum Abend erreichen würde – die abgelegene, etwas verlassene nach dreißig Kilometern oder die schönere, versteckt abseits der Straße, deren Lage ich aber kannte. Und ich fragte mich, ob Anita mich an diesem Tag noch einholen würde.
Mittwoch, 22.07.2026, weiterer Zeroday in Nyidalur - was ein Wetter!
Heute kamen erschöpft noch weitere Radler an, völlig durchnässt und ernüchtert über ihre Reise durchs Hochland mit einfachen Rädern. Ein Ding der Unmöglichkeit und so ging es ihnen auch. So ein Traum von einer Hochlandtour kann schnell auch ein Albtraum werden. Sie wurden gastfreundlich aufgenommen und mental wieder etwas aufgebaut. Solche Begegnungen führen mir immer wieder vor Augen, dass es gut und wichtig ist, sich entsprechend vorzubereiten. Die Ausrüstung muss passen, das Zeitfenster nicht zu knapp bemessen und bei der Witterung entsprechend viel Essen dabei sein. Je kälter das Wetter, desto mehr Kalorien braucht der Körper. Ein taffes Mädel aus Schottland kam an und man spürte sofort: Sie kann einiges ab vom Wetter her. Lebt direkt am West Highland Way in Schottland und wir hatten ein tolles Gespräch über Wandern in ihrer Heimat. Sie war trotz totaler Nässe so ein Leuchtstern der guten Laune, richtig erquicklich. Am Abend kam dann noch eine ganze Gruppe Franzosen mit einem Geländebus an, kochte 3 Gänge und der Duft frischer Mahlzeiten drang in die Nase wie eine Droge, lacht... mein Magen hat sofort reagiert. Nein, für mich gab es Pasta aus der Tüte -- Luxus gegenüber Mutter und Tochter. Die aßen Müsli, weil sie davon mehr hatten als Dinner. Tja, so geht das: Die einen essen Pasta zum Frühstück und die nächsten Müsli zum Dinner. Man ist nicht wählerisch, wenn man erlebt, wie hungrig man unterwegs sein kann. Die Nacht war ruhig und gut zum Schlafen, keine Schnarchnasen in der Hütte 😉.
Dienstag, 21.07.2026; Zeroday in der Nyidalurhütte
Es regnet, was runter kann, und ich bin nicht gewillt, aus dem Schlafsack bzw. der Hütte zu gehen. Okay, die Toilette musste aufgesucht werden, half nichts. Gemütlich am Ofen für ein Frühstück/Mittagessen um 11:00 Uhr. Danach ein bisschen Dehnen und die Sachen wieder verstauen. Sabine kam, um weitere Gäste für die kommende Nacht anzumelden. Auch absolut in Ordnung: Es wurden Mutter und Tochter, die mit dem Rad unterwegs waren und von den Rangern über den Fluss geholt wurden. Viel zu reißend die Strömung und sie waren auch schon total durchgefroren von der Nacht. Ich kannte sie schon von der Situation, wo sie kurz davor standen, einen Notruf abzusetzen, paar Tage zuvor in der Sandwüste. Dort hatte Roman mit ihnen Kontakt, als wir in der privaten Hütte untergekommen sind. Nun war ich froh, dass die beiden gut hier angekommen sind und ich sie persönlich kennenlernen durfte. Sie blieben direkt auch noch zwei Nächte und wir hatten gemeinsam eine tolle Zeit. Am Abend kam dann spät noch eine Wanderin an: Anita aus der Schweiz. Sie hatte die gleiche Strecke zurückgelegt wie ich, nur ohne die Askja zu besuchen. Wir verstanden uns auf Anhieb und sie blieb ebenfalls zwei Nächte in der Hütte, um das Wetter auszusitzen. So verstrich der Tag und der nächste mit guten Gesprächen darüber, wie man dazu kommt, ohne Auto durchs Hochland zu reisen. Gemeinsame Mahlzeiten und ein wenig das Gefühl einer Trail-Family 😊.
Montag, 20.07.2026
Um 05:00 Uhr wurde ich wach und ganz auf leisen Sohlen machte ich Kaffee und Frühstück, um gestärkt in den wieder sonnigen Tag zu starten. Um 06:00 Uhr war ich auf dem Weg; verabschiedet hatte ich mich am Abend schon. Eventuell allerdings würde ich die Familie auf dem Weg noch einmal treffen. Es ging Stunde um Stunde durch Lavasandwüste entlang einer Piste. 9 km Umweg, um über eine Brücke einen reißenden Gletscherfluss zu überqueren. Der Umweg führte mich allerdings auch an einem mächtigen Wasserfall vorbei, dessen Namen ich weder aussprechen, geschweige denn schreiben kann. Er war jedenfalls beeindruckend, lach...
Immer magischer fühlte ich mich auf der Piste ins Herz Islands -- direkt mitten hinein. Manchmal dachte ich, Stimmen zu hören, die der Wind mit sich trug. Mit einem Mal ein Motorgeräusch hinter mir und da kamen sie: die herzliche Familie von Hildur, der jungen Frau aus der Dreki-Hütte! Oh, die Freude war groß und sie hatten schon einen Platz für mich zur Mitfahrt gerichtet. Ich war gerührt und den Tränen nah -- die Natur berührte mich und diese Menschen ebenfalls. Sie waren tatsächlich gekommen, um mich einige Kilometer ins Herz Islands zu begleiten, wow... So wanderten wir gemeinsam und querten einige Wasserläufe, bis es zu einem bunten Berg hinaufging. Man konnte schon den Dampf sehen und es war extrem beeindruckend. Ein heißer Bach kreuzte unseren Weg ebenso wie der Blick auf den mächtigen Vatnajökull. Oh, ich fühlte mich so beschenkt, an einem wunderbar sonnigen Tag an diesem Ort sein zu können -- was für ein Segen!
Island hat mich in sein Herz blicken lassen, ja, mich eins fühlen lassen mit dem Herzschlag dieses Landes. Angenommen und bereichert tief im Inneren. Da fühle ich mich so klein und doch erhaben, demütig und mutig zugleich. Diese Fülle in mir ist kaum in Worte zu fassen, ich fühle Liebe.
Nach einer gemeinsamen Pause musste die Familie den Rückweg antreten und vor mir lag noch ein weiter Weg über den Pass und zur Hütte hinunter ins Tal. Herzliche Verabschiedung und ich winke, was die Pfötchen hergeben 😊. Noch einmal führt mich der Trail an dem geothermalen Gebiet entlang und ich quere den heißen Bach. Die Schlammtöpfe blubbern und der Dampf mit dem Geruch nach... ihr wisst schon, besteicht meine Nase. Höher und höher führt der Trail und dann zog eine Wolkenwand auf. Tja, da waren sie nicht mehr zu sehen, die Stöcke, die den Trail markieren sollten. Schon gut, wenn man die Route auf GPS hat und schauen kann, wo es langgeht. Ein paar Schlenker, aber letztlich ging der Himmel auch immer wieder ein bisschen auf und gab atemberaubende Blicke ins Umland frei. Nach einem sehr langen Tag kam ich ganz beseelt, aber auch kaputt, müde, hungrig und durstig in der Nýidalur-Hütte an.
Sabine und Ilka, die Warden der Hütte (beide deutsch), begrüßten mich herzlich. Ich wurde gefragt, ob ich in der Hütte schlafen möchte oder im Zelt. Ich antwortete nur, dass ich ganz dringend Essen und Trinken müsse, weil mein Tag so lang war und zu Fuß. Die liebe Sabine gab daraufhin zur Antwort, es sei gestern eine Gruppe hier gewesen, die noch Essen übrig gelassen hatte. Ich konnte mein Glück kaum fassen und aß zwei große Teller leckere Pasta, trank reichlich Wasser und fühlte mich sogleich sehr viel besser.
Entschlossen, in der Hütte zu schlafen, gaben sie mir das Dachgeschoss im Nebengebäude, sodass ich sehr gut Ruhe finden konnte. Ich machte es mir gemütlich und mit zwei Matratzen übereinander konnte ich schlafen wie eine Königin. Shirt und Socken waschen -- boahhhh, das müffelte schon sehr! Hach, was soll ich sagen: Ich fühlte mich rundum wohl, vor allem nach der heißen Dusche und Haare waschen. Zudem wurde das Wetter schlecht und für die kommenden zwei Tage extrem starker Wind gemeldet. So blieb ich einfach die drei Tage dort und genoss die Auszeit. Ilka war so lieb und gab mir noch Trekkingmahlzeiten, damit ich über die Runden kommen konnte. Das deponierte Essen würde gut reichen bis Landmannalaugar, aber für Extra-Tage war nicht so viel Raum.
Sonntag, 19.07.2026
Früh wach und voller Motivation, den sonnigen Morgen zu nutzen und zeitig auf den Weg zu gehen. Leise frühstücken und Kaffee trinken, alles an seinen Platz verstauen und um 06:00 Uhr bin ich auf dem Trail. Ein toller Morgen mit Sonnenschein und ohne Wind, herrlich! Beflügelt ging ich leichten Schrittes. Nach etwa einer Stunde sah ich drei Radler, die gerade ihr Zelt wieder verstauten, um aufzubrechen. Die meisten sind von Süd nach Nord unterwegs, wegen des Windes und keine Ahnung warum noch 😉. Wir winkten uns zu und ich machte mich an die erste Furt eines Gletscherflusses, der schon einiges an Wasser führte und eisig kalt war. Schuhe aus, Latschen an und durch 😊! Schnell wieder abtrocknen und zurück in die warmen Socken, herrlich! Es folgten an dem Tag noch ein paar weitere eiskalte Furten und das Wetter änderte sich zudem in Richtung Regen und Sturm.
Gutes Vorankommen und keine Pause (außer für kleine Mädchen...) sorgten dafür, dass ich vor dem Regen an der Gæsavatnskáli angekommen bin. Eine private Hütte, die voll gebucht war, und der Besitzer meinte am Telefon nur: Wenn die Welt unterginge, könnte ich ja anklopfen und um Einlass bitten. Dem war nicht so, aber der Herr, der mich vor der Hütte in Empfang nahm, war sehr freundlich. Ich fragte, ob ich eine Pause bis zum Nachmittag hier machen könnte. Er bat mich herein und am Tisch saß die ganze Familie. Ich erkannte sofort die junge Frau: Warden auf der Dreki-Hütte! Ich freute mich total, sie wiederzusehen, und ich glaube, ihr ging es ebenso. Sie haben mich bei sich aufgenommen und boten mir an, unterm Dach zu schlafen, wenn ich gerne bleiben möchte. Das war für mich ein riesig tolles Geschenk und ich nahm die Einladung dankend an. Es war Sturm gemeldet und von daher war ich so froh, hierbleiben zu können. Dem nicht genug, luden sie mich auch noch zum Mittagessen ein -- welch eine Gastfreundschaft! Es gab Weihnachtsessen; ich sagte, für mich ist heute Weihnachten. Traditionell gab es geräuchertes Lamm, Pellkartoffeln, Erbsen und Mais. Boahhhh, war das lecker 😊, und ich fühlte mich gesegnet. Für mich folgte ein Mittagsschläfchen und die Familie machte einen Ausflug.
In deren Abwesenheit kam auch Roman an der Hütte an. Ich bat ihn, draußen zu warten, bis die Leute zurückkämen. Das tat er auch und sie haben ihn ebenfalls aufgenommen. Sie fragten mich, ob es okay wäre, wenn er auch da oben schlafen würde. Alles in Ordnung, wir erzählten, dass wir die Nacht zuvor in Kistufell die Hütte geteilt hatten. Am Abend zog ich mich zeitig zurück, denn für den kommenden Tag stand eine sehr lange Etappe auf dem Plan: Ich wollte die Nýidalur-Hütte erreichen, wo ich ja auch mein Essen deponiert hatte.
Samstag, 18.07.2026
Es war definitiv eine scheiß Nacht. Immer wieder drang Sand ein, ich musste niesen, husten und ach, es war bescheiden. Frühmorgens fuhr dann auch noch ein Italiener mit seinem Geländewagen schier über mein Zelt. Dem musste ich dann mal sagen, was ich davon hielt -- nämlich gar nichts! Ich war sauer... kommt ja selten genug vor. Ich hatte eine wichtige Entscheidung zu treffen und noch nicht mal einen Kaffee im Bauch 😉.
Nach dem Kaffee fiel die Entscheidung: Ich gehe weiter! Meine ganze Ausrüstung staubgepudert und ich dazu, schleppte ich mich zur Rangerhütte und gab meinen Entschluss bekannt. Um 10:00 Uhr sammelten mich Jökull und Sofia, die Ranger, ein. Wir fuhren zu einem ganz jungen Lavafeld, das 2014/15 entstanden ist -- so spannend! Weiter ging es die Sandpiste bis zu der Stelle, wo die Umleitung beginnt. Boahhhh, die Piste hat Löcher mit einer Tiefe von bis zu 2 Metern, so krass!
Mein Bauch waberte vom vielen Wasser, das ich am Morgen getrunken hatte. Die Zeit lief mir auch davon, aber es war einfach so spannend, mit den beiden unterwegs zu sein. Immer wieder aufs Neue entschieden sie, mich noch ein Stück weiter zu fahren und das Ganze dann zu nutzen, um nach dem Rechten zu sehen. Was hatte ich doch für ein Glück mit diesen Engeln! Nur dank ihrer Hilfe war es mir möglich, diesen Abschnitt -- ja, ich sage mal -- locker zu bewältigen. Es war immer noch anstrengend, die 30 km mit Gegenwind und Sandsturm zu bewältigen, aber ich kam gut an der Kistufell-Hütte an. Überall Sand, aber glücklich traf ich auf Roman, einen Slowenen mit dem Rad. Er hatte eine Nacht im Sand verbracht und war so dankbar, dass er Kistufell erreicht hatte. So ein geschützter Ort rettet einem unter Umständen das Leben. Es ist auch tatsächlich eine Notfallhütte, in der man aber gegen Gebühr schon übernachten kann. Von dieser Hütte aus startete 1950 eine große Rettungsaktion für die Passagiere eines abgestürzten Kleinflugzeugs. Ebenso war es der Beginn zur Gründung der Rettungsstaffeln hier auf Island. Im Verlauf des Abends kamen noch drei weitere Radler an, von denen aber nur zwei in der Hütte übernachteten; der andere wollte weiter zum Wasser. Tatsächlich war das Wasserdepot in der Hütte fast aufgebraucht. Roman und ich hatten beide Extrawasser hierher getragen. Es wurde erzählt, die Ausrüstung geordnet, gegessen und getrunken. Danach war bald Ruhe und der Schlaf kam sofort.
Freitag, 17.07.2026
Ein herrlicher Tag mit Sonnenschein begrüßte mich. Ein paar Vögel nahmen ihr Morgenbad im See und ich trank meinen Kaffee mit Blick in die wilde Natur. Eine Oase mitten in einem Lavafeld: Hügel und Verwerfungen aus Lava, eingebrochene Höhlen, umringt von schwarzem Sand. Wie wird wohl mein heutiger Tag werden, geht es mir durch den Kopf. Es war gegen 08:00 Uhr, als ich mich gestriegelt wieder auf den Weg machte, um den Stöcken zu folgen, die in gerade noch sichtbarer Entfernung die Strecke markieren. Mein Ziel für den Tag sollte die Dyngjufjöll-Hütte sein, was einen etwas kürzeren Tag versprach. Wenig abwechslungsreich, aber dafür sehr spannend, den Trail nicht zu verlieren, ging es den ganzen Tag durch Lavagestein: grob, scharfkantig und anhaltend anstrengend mit Gegenwind. Das Wetter war und blieb ein Traum, sodass ich nicht müde wurde, diese Einöde zu genießen. Plötzlich, fast aus dem Nirgendwo, war da ein Fluss. Sein Bett bezauberte durch künstlerische Spuren im Sand, wechselnde Farben von Schwarz über Braun hin zu Ockergelb -- ich war hin und weg! Einfach zauberhaft und einzigartig, auffallend und eine tolle Abkühlung für mich bei den doch immerhin über 24 Grad Sommergefühl. Zur Hütte musste der Fluss gefurtet werden, was an diesem Tag ein absolutes Vergnügen brachte. Ich legte mich später als Erfrischung und Körperwäsche voll hinein. Wasser zum Kochen gab es also reichlich. Es war an der Zeit, die Flüssigkeitsspeicher wieder aufzufüllen, das kam gestern einfach zu kurz. Was für ein herrlicher Tag und keine andere Menschenseele weit und breit. In dieser Ruhe, wo noch nicht einmal mehr ein Vogel zwitschert, finden Körper und Seele erholsamen Schlaf. Noch ein Gebet zum Dank gen Himmel für diesen tollen Tag und dann darf er enden. Morgen wird es anstrengend: Es geht über einen Pass hinein in die Caldera der Askja.
Faszinierende Ausblicke, obwohl das Wetter sich verschlechtert hat und auch ein paar Tropfen Regen herunterkamen. Der Trail führte über eine Höhe von 1500 m und hinein in die noch mit Schnee ausgelegte Caldera. Eine anspruchsvolle Etappe mit Wind und nur ein paar Fußspuren, denen ich folgen konnte. Ganz grob gaben Stäbe die Richtung an. Es braucht schon ein bisschen Erfahrung, dass man sie in der Landschaft erkennen kann.
Víti, der Kratersee -- ich wollte hin, musste mich aber noch gedulden. Ich brauchte zuvor eine Pause und ging zum Infocenter der Ranger. Dort wurde ich freudig empfangen und bekam gleich einen Kaffee und ein Stückchen Schokolade zur Ankunft. Drei Tage keinen Menschen gesehen und nun, hier an der Askja, wieder richtig was los! Es regnete leicht, aber egal: Ich schloss mich der Führung der Rangerin zur Víti und zum Öskjuvatn an. Sechs weitere Leute begleiteten uns. Diese Führung gibt es täglich um 13:00 Uhr und sie ist kostenlos. Das Gebiet ist so beeindruckend, man kommt aus dem Staunen gar nicht heraus! Schon gleich gar nicht, als wir mit einem Mal allesamt im Lehmdreck versanken. So schön sauber waren meine Schuhe bis dahin, lach... Tja, da muss man durch, wenn man alles sehen und genießen will. Der Öskjuvatn mit seinem blau-grün-grauen Wasser, so krass, und die farbige (braune, gelbe und rote) Umgebung zum schwarzen Lavasand! Als meine Sinne angefüllt waren vom Anblick dieser einzigartigen Szene, tippelte ich durch den Matsch zurück zur Station und weiter mit einer Mitfahrgelegenheit zur Dreki-Hütte.
Mehrere Hütten bilden diesen Platz als Dreh- und Angelpunkt für Touren aller Art in diesem Gebiet der Askja. Demzufolge ein lebhaftes Örtchen und ich hätte besser daran getan, mir ein Bett in der Hütte zu gönnen, als mein Zelt aufzuschlagen. Der starke Wind verwandelte diesen beschaulichen Ort in eine Wolke aus Staub. Der zu entkommen war eine schier ausweglose Situation. Ich baute das Zelt auf und es war schon kein gutes Gefühl. Dafür habe ich voll die netten Leute getroffen: ein junges Paar, welches sich gerade im Aufbruch befand. Sie wollten heute noch zur Dyngjufjöll-Hütte -- hmmmm, das würde ein langer Ritt werden, und dann mit den schweren Rucksäcken! Mir wurde beim Anblick der Monsterteile schon schwindelig. Sie waren auf dem Weg, Island von Ost nach West zu durchqueren, und mussten nun aus Wassermangel einen Umweg in Kauf nehmen.
Ja, das Wasser sollte auch mich noch vor eine schwerwiegende Entscheidung stellen: Von der Dreki-Hütte bis zur Kistufell-Hütte gab es auf 56 km kein Wasser. Wie wollte ich damit umgehen? Ein langes Gespräch mit den Rangern folgte und sie boten mir an, mich am folgenden Vormittag ein Stück mitzunehmen, da sie in der Richtung zu tun hatten. Eine „Straße" war unterspült und musste gesperrt, eine Umleitung erweitert werden. Ich gestattete mir eine Nacht darüber zu schlafen und mich am Morgen zu entscheiden. Beim Abendessen in der Hütte kam ein junger Mann herein und ich sah ihm sofort an, dass er auch auf Wanderschaft war. Ich sprach ihn an und er setzte sich an meinen Tisch, damit wir uns ein bisschen austauschen konnten. Die Abwechslung tat ihm sichtlich gut und die Anspannung wich von ihm. Er musste umkehren und sich auf den Rückweg machen, weil das Essen zur Neige ging. Zwei Tage einen Sturm auf einer Hütte aussitzen kostet Essen und Zeit, beides ging ihm langsam aus. Es ist eben definitiv keine Wanderung für mal eben schnell. Wir sprachen über diese wasserlose Strecke und er machte mir Mut, dass ich es schaffen kann. Mit diesen Gedanken schlief ich später im Zelt ein.
Donnerstag, 16.07.2026 -- Start in das Abenteuer Hochlanddurchquerung
05:00 Uhr in der Früh: Ich stelle den Gletscherfloh am Mývatn Visitor Center ab. Ich hatte tags zuvor schon mit den Rangern alles abgesprochen und einen Plan der Tour erstellt, sodass sie ungefähr wissen, wann ich an welcher Hütte ankommen würde. Das dient der Sicherheit und natürlich auch der Statistik, wie viele Leute solch eine Wanderung unternehmen. Sie waren alle sehr freundlich, aber auch hilfreich und wachsam. Sie stellten mir Fragen zu meiner Planung und wollten einfach wissen, mit wem sie es da zu tun hatten und ob ich wohl wüsste, was ich da vorhatte.
Ja, alle Vorbehalte konnten ausgeräumt werden. Wegen des starken Windes verschob sich der Start um einen weiteren Tag. Nun aber war es soweit: Den Gletscherfloh mit Willy gut versorgt und verabschiedet, ging es zunächst entlang des Mývatn die ersten 4 km auf dem Radweg.
In meinem Kopf ratterte es -- nein, nicht ob der Herd ausgeschaltet oder die Fenster zu sind. Vielmehr war es das Adrenalin, weil ich mich jetzt von der Zivilisation entfernen würde und keine Ahnung hatte, was da kommen würde. Vorfreude, Spannung und natürlich wie immer auch dieses leise Stimmchen: Hast du alles, was du brauchst? Mit Nachkaufen ist nicht, du musst mit dem zurechtkommen, was du dabei hast! Essen für 6 Tage bis zur Nýidalur-Hütte, Wasserfilter, Flaschen, Kochgeschirr, Löffel, Gaskartusche, Medikamente, Verbandszeug, Waschzeug, Handtüchlein, Regenklamotten, Schlafsack, Zelt, Isomatte, Elektronik, warme Kleidung, Geldbeutel und guten Mut nebst Vertrauen und Zuversicht.
Der Rucksack war schwer -- aber leicht gegenüber dem anderer Wanderern, die 30 Kilo schleppen. Wie leicht ich doch unterwegs war, sollte ich erst später erfahren. Gefühlt hatte ich 20 Kilo, aber in Wahrheit waren es sicher nicht mehr als 10 Kilo Gewicht. Also stell dich nicht so an, der wird mit jedem Tag leichter 😉 -- das war ein schwacher Trost und mein Körper versuchte mir dringend zu vermitteln: Schmeiß den Rucksack ab, hock dich nieder, geh zurück und feiere die Leichtigkeit! Auf keinen Fall tue ich das! Fast trotzig schlappe ich Schritt für Schritt weiter auf dem inzwischen sandigen Weg, markiert durch eine Fahrspur, sodass ich mir nicht komplett vorkam, als wäre ich in den Dünen. Es wurde Mittag und der kleine Hunger machte auf sich aufmerksam. In einer kleinen Oase mit einem Wasserlauf stellte ich das Innenzelt auf, um mich vor den Mücken (die eigentlich Fliegen sind) zu schützen. Die stören mächtig, wenn es windstill ist, und da vergeht dir der Appetit. Es wurde also eine kleine Mahlzeit und ein Nap.
Kilometer um Kilometer wurde es einsamer. Kein Bauernhof mehr, nur noch die Fahrspur, auf der wohl ewig nichts mehr gefahren ist, und meine Schritte. Meine Spuren im Sand -- und ich mutmaßte die von einem Wanderer Tage zuvor. Den Rest hatte der Wind der Natur übergeben... Wildnis...
Der Tag zog sich, obwohl sich die Landschaft von bewirtschaftet über nur noch für Schafe tauglich bis hin zu lebensfeindlich veränderte. Durchaus abwechslungsreich, könnte man sagen. Ich wusste, es würde nach 44 km eine Hütte geben: die Botni-Hütte, unbewirtschaftet und an einem kleinen See gelegen. Ich brauchte Wasser -- und da, wo welches hätte sein sollen, war keines. Hmmm, es sollte kein so langer Tag werden, aber was sollte ich ohne Wasser tun? Es blieb mir nichts anderes übrig, als doch den Umweg zur Hütte in Kauf zu nehmen. Auf dem PCT nannten wir sowas „Extra Miles machen". Es war ca. 19:00 Uhr, als ich endlich an der Hütte ankam. Hach, vergessen war die Anstrengung des Tages! Ein festes Dach über dem Kopf ist einfach was Tolles. Der See bot allerdings einen jämmerlichen Anblick mit seinem niedrigen Wasserstand. Es sollte sich als nicht ganz einfach erweisen, an das Wasser zu gelangen: Je näher ich dem Ufer kam, umso mehr sank ich in den Untergrund ein. Über ein paar Steine gelang es jedoch, das nötige Wasser für Tag und Nacht zu schöpfen.
Wasser für eine erste Trekkingmahlzeit abkochen und einen Tee für den Körper, der jetzt natürlich in ein Regenerationsloch kippte. Endlich entspannen! Wenn da der Kreislauf ein bisschen in die Knie geht, ist Fürsorge angesagt. Was schmeckt das Zeug lecker, zumal wenn man sich über den Tag so angestrengt hat: Kartoffeln mit Rindfleisch, yummy! Kurze Zeit später lag ich auch schon auf der Matratze und konnte mich lang machen -- sooooo gut!